Grace Bumbry : Die erste afroamerikanische Operndiva der Welt

Sie lernte Gesang bei der legendären Lotte Lehmann und wurde als "schwarze Venus" berühmt. Heute wird Grace Bumbry 80 Jahre alt.

von
Amazing Grace. Als „schwarze Venus“ von Bayreuth startete Grace Bumbry 1961 ihre Weltkarriere.
Amazing Grace. Als „schwarze Venus“ von Bayreuth startete Grace Bumbry 1961 ihre Weltkarriere.Foto: dpa/Horst Ossiger

„Grace Bumbry gehört zu den wenigen Sängerinnen ihres Volkes, die mit der künstlerischen Gleichberechtigung der Rassen auch in ästhetischem Sinne ernst machen. Sie verzichtet auf alle folkloristischen Eigenheiten und Effekte, sie hat ihre Stimme zu einem fast abstrakten Instrument gebildet, sich als Gestalterin zu einer Objektivität erzogen, dass sie deutsche Lieder fast besser singt als Negro-Spirituals.“ Tagesspiegel–Musikkritiker Werner Oehlmann bediente sich 1964 in seiner Rezension eines Berlin-Gastspiels der amerikanischen Sängerin einer Diktion, die heutige Leser zusammenzucken lässt. Eine Farbige, die Schubert und Schumann singt – das war in Deutschland fast 20 Jahre nach Kriegsende ganz offensichtlich aufregend, und zwar in jeglichem Sinne des Wortes.

Von Richard Wagner ganz zu schweigen. „Geschmacklosigkeit“ wurde dem Komponistenenkel Wieland seitens der ewig Gestrigen vorgeworfen, als er Grace Bumbry die Rolle der Liebesgöttin in seinem 1961er „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen anvertraute. Für freiere Geister aber war „die schwarze Venus“ eine Sensation, wie sie da beim berühmten Bacchanal im Vordergrund der Bühne thronte, „in gleißendem Brokatgewand und mit hohem Kopfputz, unbeweglich wie eine Statue“, während hinter ihr die Truppe des Avantgarde-Choreografen Maurice Béjart die Ekstasen der ungezügelten Erotik vertanzte.

„Ich bin in Amerika aufgewachsen, der Rassismus beginnt dort mit dem ersten Lebenstag“, erzählte die Sängerin 1997 rückblickend in einem Interview. „In Bayreuth war ich 24, ich wusste also, was Rassismus ist. Aber ich wollte mich durch niemanden von meinem Ziel abbringen lassen.“ Was ihr gelang: Grace Bumbry wurde zur ersten und bis heute größten afroamerikanischen Operndiva der Welt.

Ihre Karriere entwickelte sich rasant

Dank ihrer flamboyanten Erscheinung, ihrer stilistischen Vielseitigkeit und ihrer interpretatorischen Intensität. Letzteres lernte die an diesem Mittwoch vor 80 Jahren in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri Geborene bei Lotte Lehmann, der legendären deutschen Sopranistin, die 1938 in die USA emigriert war und deren Schülerin Bumbry an der Academy of the West im kalifornischen Santa Barbara wurde. Dass sie müheloser als die meisten ihrer Kolleginnen zwischen Oper und Kunstlied wechseln konnte, verdankt die Amerikanerin eindeutig ihrer deutschen Lehrerin. Dass sie live stets überzeugender wirkte als auf Tonkonserven, ebenso. Denn Lotte Lehmann lehrte weniger Gesangstechnik – Defizite in diesem Bereich werden Grace Bumbry von Stimmexperten wie Jürgen Kesting angekreidet –, sondern arbeitete vor allem am Ausdruck.

Nach dem Debüt 1960 in Paris entwickelt sich Bumbrys Karriere rasant, 1961 ist sie neben der Bayreuther Venus auch Carmen in Brüssel, 1963 singt sie im Londoner Covent Garden Opera House die Eboli aus Verdis „Don Carlos“, die zu ihrer Paraderolle werden wird, gerade weil sie weder eine reine Sopran- noch eine reine Mezzosopranpartie ist: Mit ihrer metallischen, dabei aber beweglichen Stimme kann Bumbry einen enorm weiten Tonumfang abdecken, von der herben Alttiefe bis zur glühend aufblendenden Höhe. Darum wird sie im Laufe der Jahrzehnte auch in beiden Stimmfächern brillieren, sowohl Salome singen als auch Dalila. In Opern mit zwei weiblichen Hauptrollen wechselt sie sogar gerne von der einen zur anderen, wie in Bellinis „Norma“ oder Verdis „Aida“.

Ihr letzter Berlin-Besuch war 2013

Dass sie 1997 ihren Rückzug erklärt, weil sie sich ausgebrannt fühlt, bereut die Künstlerin schon bald – und kehrt nach zwei Jahren auf die Bühne zurück. Zum Beispiel mit ihrem „Black Musical Heritage Ensemble“, aber auch in Charakterrollen wie der Old Lady aus Leonard Bernsteins „Candide“, mit der sie beispielsweise 2012 an der Deutschen Oper die Fans in Verzückung versetzt.

Grace Bumbrys letzter Berlin-Besuch datiert aus dem Sommer 2013, als Stargast bei „ Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt. Auch im Privatleben der Diva hat Berlin übrigens eine Rolle gespielt: Hier wurde 1972 ihre Ehe mit dem deutschen Tenor Andreas Jaeckel geschieden.

3 Kommentare

Neuester Kommentar