Kultur : Gräfin Schenk

Thomas Medicus beschreibt das kurze, schillernde Leben von Melitta von Stauffenberg.

Hannes Schwenger

Ihr gewisses, nämlich ungewisses Lächeln trug ihr den Spitznamen Mona Lisa ein, und ungewiss ist bis heute manches Detail über ihr Leben und Sterben geblieben: Melitta von Stauffenberg, eine aus der Handvoll deutscher Pilotinnen, die zum Aushängeschild der NS-Fliegerei wurden, obwohl ihnen der zivile und militärische Pilotenberuf von Staats wegen verschlossen war. Die Chronistin der Frauenfliegerei von 1918 bis 1945, Evelyn Zegenhagen, weiß nur von wenigen Frauen, die als Sportfliegerinnen so viel Talent und Praxiserfahrung mitbrachten, „dass ihnen eine berufliche Existenz in der Luftfahrt, etwa in der Luftfahrtforschung möglich geworden wäre“. Zeitgenossen werden noch Namen wie Hanna Reitsch und Elly Beinhorn geläufig sein, die selbst der „Völkische Beobachter“, der die deutsche Frau sonst lieber am heimischen Herd sah, als „schneidiges deutsches Mädel“ feierte.

Evelyn Zegenhagen erwähnt auch Melitta Schiller, die wie Hanna Reitsch als Testfliegerin zur militärischen Luftfahrtforschung stieß und – anders als die Reitsch – nicht nur an der Erprobung, sondern auch an der Entwicklung der Sturzkampfflugzeugtechnologie mitwirkte. Thomas Medicus nennt sie gleich im Titel seiner Biografie unter ihrem – seit der Heirat mit Alexander von Stauffenberg 1937 – Ehenamen, durch den sie zur „Flugkapitänin Gräfin Stauffenberg“ und Schwägerin des späteren Hitler-Attentäters Claus Schenk von Stauffenberg wurde. Nach seiner Hinrichtung zunächst in Sippenhaft genommen, durfte sie zwar als „Gräfin Schenk“ in die kriegswichtige Forschung zurückkehren, widmete aber das letzte Jahr ihres 42-jährigen Lebens ganz der Fürsorge für die Opfer und verschleppten Angehörigen der Verschwörer vom 20. Juli 1944, deren Spur sie bis in geheime Internierung und Konzentrationslager ermittelte. Bei ihrem letzten Flug, mit dem sie ihnen bis nach Süddeutschland folgte, fand sie am 8. April 1945 den Tod. Wie wir heute wissen, wurde ihre Maschine vom Typ Bücker 181 von einem amerikanischen Mustang-Jäger beschossen und stürzte in der Nähe von Straubing ab. Zwei Radfahrer fanden sie noch lebend in den Trümmern ihrer Maschine, auf dem Transport ins Krankenhaus ist sie dann „ihren Verletzungen stumm erlegen. Der Totenschein nennt als Todesursache Schädelbasisbruch“.

Sofort verbreiteten sich Gerüchte, sie sei von eigenen Leuten abgeschossen worden, weil sie ihren Mann befreien und mit Geheimakten des Widerstands fliehen wollte. Passanten an der Absturzstelle wollten Schmuck, eine größere Geldsumme und „Geheimdokumente“ im Cockpit gesehen haben. Auch von Selbstmord war die Rede, zumal sie seit dem Fliegertod eines geliebten Freundes oder auch Geliebten verdüstert war. Ihm widmete sie sogar ein Gedicht, in dem sie sein Schicksal als Wiedergeburt „urgermanischer Überlieferung“ deutete. Wen meinte sie, wenn sie schrieb, sie denke „viel an die Gefallenen. Vielleicht sehe ich sie bald“? Letzte Klarheit über ihren Tod kann auch ihr Biograf nicht finden. „Es könnte so, aber auch ganz anders gewesen sein. Was genau geschehen war, wusste niemand. Der Überfluss von Legenden und Gerüchten tauchte die unglücklich Verstorbene, die äußerlich angeblich so gut wie keine Blessuren davongetragen hatte, immer stärker in den Nebel eines undurchdringlichen Geheimnisses. Übrig blieb ein rätselhaftes Wesen.“

Das sei, meint Thomas Medicus im Rückblick auf ihr Leben, am Ende „gar nicht so falsch. In Melittas Leben hatte es viel Zwielicht gegeben, als sei sie in der Gefängniszelle erweckt worden, hatte sie erst ganz zuletzt die Gloriole der Märtyrerin ergriffen“. Zum Zwielicht, das ihr Leben umgab, gehört nicht nur ihre Begünstigung durch Hermann Göring, der sie trotz ihres jüdischen Vaters für „deutschblütig“ erklären ließ und eine eigene Forschungsstelle für sie schuf. 1943 verlieh er ihr persönlich das Eiserne Kreuz und das Goldene Militärflugabzeichen mit Brillanten und Rubinen. Sie ließ sich auch bereitwillig als NS-Propagandistin nach Schweden schicken, um getreu dem nationalsozialistischen Frauenbild zu erklären, sie wäre eigentlich lieber als Rotkreuzschwester „helfend und heilend“ als „ingenieursmäßig“ tätig.

Dabei gibt es keinen Zweifel, dass sie geradezu flugsüchtig war und an manchen Tagen ein Dutzend Sturzflüge und dazu ebensoviele Messflüge unternahm. Als Ingenieurin entwickelte sie patentreife Erfindungen in der Propellertechnik und noch in den letzten Kriegsmonaten ein Nachtlandeverfahren für heimkehrende Jagdflugzeuge. Wie ging das zusammen mit ihrer jüdischen Herkunft und ihrer Sorge für die „Sippenhäftlinge“ des 20. Juli? „Wenn sich ein Leben gegen moralische Vereindeutigung sperrte“, urteilt Thomas Medicus, „dann ihres.“

Am kommenden Dienstag stellt die Historikerin Sylke Tempel das Buch im Gespräch mit Thomas Medicus im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße vor (13. März, 20 Uhr, Kartenreservierung unter 887 260 und litertaurhaus@literaturhaus.de).









– Thomas Medicus:
Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben. Rowohlt Berlin, Berlin 2012. 416 Seiten, 22,95 Euro.

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