Grafik am Bauhaus : Feigenblatt der Moderne

„die neue linie“ im Berliner Bauhaus Archiv

Michael Zajonz

Schicke Klamotten, schnelle Autos, große Häuser und teure Reisen – das ABC des schönen Lebens muss, bei aller Beständigkeit der Wünsche, in der Form stets neu und originell daherkommen. Nichts ist unerträglicher als die Mode der letzten Saison, nichts fader als ein Déjà-vu. Doch lohnt selbst hier der Blick zurück. Und sei es nur, um sich daran zu erinnern, dass Lifestyle keine Erfindung der Gegenwart ist.

Genau das geschieht, am Beispiel einer einst stilangebenden Illustrierten, derzeit in der Ausstellung „Das Bauhaus am Kiosk“ im Berliner Bauhaus-Archiv. Zwischen 1929 und 1943 erschien im Leipziger Beyer-Verlag monatlich „die neue linie“, ein frühes Lifestyle-Magazin, das seinen Anspruch bereits in der modischen Kleinschreibung des Titels dokumentierte. Seine typografisch wegweisende Gestaltung konzipierten Bauhaus-Künstler wie László Moholy-Nagy und Herbert Bayer, als Autoren schrieben neben Bauhaus-Direktor Walter Gropius Dichtergrößen wie Gottfried Benn und Thomas Mann.

Ersonnen wurde „die neue linie“ in einem Verlagshaus, das durch preiswerte Modezeitschriften mit beigelegten Schnittmusterbögen zum Nachschneidern groß geworden war. Auch das neue Produkt wandte sich an Frauen. Mit einem Preis von einer Reichsmark und einer Auflage von 40 000 Exemplaren wollte „die neue Linie“ jedoch nie das Massenpublikum erreichen. Um Kleidung ging es nur in etwa einem Viertel aller Beiträge. Der Rest war: Kunst, Kultur, exklusives Schöner-Wohnen – und sehr viel Reklame für gehobene Marken. Das Frauenbild, dass die aufwendig gedruckte Zeitschrift transportierte, war elitär, nicht modisch.

Patrick Rössler, Ausstellungskurator, Kommunikationsforscher an der Universität Erfurt und Sammler von historischen Illustrierten, sieht in der „neuen linie“ das Paradebeispiel einer „domestizierten Avantgarde“. Die Leserinnen konnten dort neue Produkte und fortschrittliche künstlerische Ausdrucksweisen kennenlernen, ohne sich mit den von vielen Künstlern intendierten gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen zu müssen. Eine publizistische Verhüllungsstrategie, die auch nach 1933 bestens funktionierte.

In der von Studenten der Universität Erfurt eingerichteten Ausstellung darf in zwei originalen Heften aus den dreißiger Jahren geblättert werden. Rassistische Ausfälle in Frakturlettern sucht man zwischen ihren Kunstdruckseiten vergeblich. Erkennbar bemühte sich die Redaktion, über deren Zusammensetzung man wenig weiß, trotz nationalsozialistischer Zensur und Gleichschaltung einen Hauch von großer freier Welt zu bewahren. Der typografisch kompromisslos moderne Ex-Bauhäusler Herbert Bayer schuf sein letztes Titelblatt für die Augustausgabe 1938. Erkauft wurde diese Narrenfreiheit mit Reportagen über die SS oder Homestories über NS-Bonzen wie Hanns Johst, Präsident der Reichsschrifttumskammer.

Einige besonders ansehnliche Ausgaben wie das Sonderheft zu den Olympischen Spielen 1936 wurden sogar mit staatlichen Zuschüssen produziert. Die „neue linie“ gehörte zu den kulturpolitischen Feigenblättern des Naziregimes. Zwischen ihren Zeilen lässt sich trefflich darüber sinnieren, wie unpolitisch moderner Lebensstil sein kann.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 16. April, Mi – Mo 10 - 17 Uhr. Katalog (Kerber Verlag) 17,50 Euro.

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