Graham Greene über Liberia : Abgrund und Anfang des Lebens

Der Schriftsteller auf der Suche nach dem Unbewussten - und als Agent: Graham Greenes Liberia-Buch "Reise ohne Landkarten" ist erstmals vollständig auf Deutsch erschienen.

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Herz aller Dinge. Graham Greene 1968 in Freetown, Sierra Leone.
Herz aller Dinge. Graham Greene 1968 in Freetown, Sierra Leone.Foto: mauritius images

Der Tod muss auf Graham Greene in jungen Jahren eine große Faszination ausgeübt haben: „Bis dahin war ich immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass der Tod etwas Erstrebenswertes sei.“ Dieses „bis dahin“ meint in Greenes Fall bis zu seiner Reise nach Liberia, die er 1935 mit seiner Cousine Barbara unternahm. Mehrmals erwähnt Greene in seinem 1936 unter dem Titel „Journeys Without Maps“ veröffentlichten Bericht von dieser Reise, wie er in Liberia „eine Liebe zum Leben“ entdeckt habe, „einen leidenschaftlichen Drang zum Leben“, gerade aufgrund der Strapazen und auch einer lebensgefährlichen Malaria-Erkrankung.

Ob das Überwinden der Todessehnsucht einer der Beweggründe von Greenes Liberia-Tour gewesen ist, seiner überhaupt ersten Reise außerhalb Europas? Der 1904 geborene Greene bleibt da vage, er spricht lieber von der „Zwielichtigkeit“ des westafrikanischen Landes, die ihn angezogen habe, aber auch von Afrika-Träumen, von einer Reise in das Unbewusste, zurück in die Kindheit, von der Neugierde, „womöglich zu erfahren, woher wir kommen, an welchem Punkt wir in die Irre gegangen sind.“

Doch es gibt auch ganz profane Gründe für Greenes Unternehmung, über die er sich in dem nun erstmals vollständig ins Deutsche übersetzten Liberia-Buch „Reise ohne Landkarten“ ausschweigt. (1950 erschien mit der Weg nach Afrika" eine deutsche Übersetzung allein des ersten der drei Buchteile, da war Greene gerade bis an die Grenze Liberias gekommen.) Greene war für die in London ansässige Anti-Sklaverei-Gesellschaft unterwegs. Diese fürchtete nach einem Sklaverei-Skandal im Jahr 1930 (nach dessen Aufdecken der damalige liberianische Präsident Charles King zurücktreten musste) weitere Menschenrechtsverletzungen in Liberia und vereinbarte mit Greene ein Buch über „die ganze liberianische Frage“.

Und wie der britische Autor und Kriegsreporter Tim Butcher bei Recherchen für eine eigene Reise auf den Spuren Greenes im Jahr 2011 herausgefunden hat, war auch die britische Regierung genauestens informiert. Das Außenministerium empfahl seinen Leute in Sierra Leones Hauptstadt Freetown, wo Greenes Afrika-Trip begann, und in Liberias Hauptstadt Monrovia, dem Schriftsteller zu helfen. Einen offiziellen Regierungsauftrag hatte der durch Romane wie „Schlachtfeld des Lebens“ und „Orient-Express“ schon relativ berühmte Greene jedoch nicht – auch weil ihm das hinderlich gewesen wäre.

„Es ist sehr nett von Ihnen, sich meinetwegen soviel Mühe zu machen.“, zitiert Butcher in seinem Buch „Auf der Fährte des Teufels“ aus einem Brief des Schriftstellers an das Außenministerium. „Ich hoffe sehr“, so Greene weiter, „dass eine Information der liberianischen Regierung über meinen Plan, durch das Hinterland zu reisen, es ihr nicht ermöglichen wird, meine Reise zu verbieten. Ich bin deswegen etwas nervös, da die Kosten für die Reise von meinem Verlag bezahlt werden und ich natürlich Material liefern muss.“

Greene geißelt "die schäbige Seite der Dinge" und meint: die Zivilisation

Das „Material“ lieferte Greene recht schnell nach seiner Rückkehr, wobei die erste Auflage von „Journey Without Maps“ noch im Veröffentlichungsjahr 1936 aufgrund einer Verleumdungsklage zurückgezogen und eingestampft wurde. Doch fragt es sich auch, ob die Anti-Sklaverei-Gesellschaft und die britische Regierung mit Greenes Erkenntnissen viel anfangen konnten, zumindest mit den veröffentlichten. „Reise ohne Landkarten“ ist ein stark autobiografisch eingefärbter Reisebericht, der zwar die politischen Verhältnisse nie außen vor lässt, ihre Schilderung aber mehr als Pflichtübung versteht.

Dazu passt, dass Greene in der zweiten Auflage, die erst 1946 erschien (und auf der die deutsche Übersetzung von Michael Kleeberg beruht), nur wenig Änderungen vorgenommen hat. In seinem Vorwort für diese Ausgabe spielt er zwar auf seinen zweiten Westafrika-Aufenthalt an, als er von 1941 bis 1943 für den britischen Geheimdienst MI 6 in diesmal offizieller Mission unterwegs war (dem Top-Spion Kim Phelby unterstellt), doch weist er darin vor allem auf viele mögliche und unterschiedliche Sichtweisen hin. Auf die Wahrheit von einst, die später eine andere sein kann, auf die Arbeit des Vergessens, auf Fehlschlüsse, „die dem durchreisenden Besucher unterlaufen“ und auf solche, „die auf eine zu genaue Bekanntschaft zurückzuführen sind.“

Trotzdem arbeitet Greene die Gegensätze des weitgehend unberührten, „wilden“ Hinterlandes Liberias mit den durchaus schon zivilisationskranken Gegenden und Ortschaften an der Küste klar heraus. Über Sierra Leone einreisend, marschieren er, seine Cousine und über 20 einheimische Träger unter dem ewig grünen Dach des Urwaldes hindurch, von Dorf zu Dorf, durch „ein wirklich fremdes Land“, tatsächlich ohne Karten. Seltsamerweise scheinen ihm die Träger und Gehilfen näher als seine Cousine - während er den einen oder anderen porträtiert, kommt sie praktisch nur am Rande vor (ein Tagebuch dieser Reise von ihr ist jedoch auch veröffentlicht worden, "Im Hinterland", 2008 erstmals auf Deutsch erschienen). Greene, der hauptsächlich zu Fuß marschiert und sich fast nie tragen lässt, plagt sich mit Ratten, Moskitos, roten Ameisen und Kakerlaken, mit Hitze und Regen, er trifft Häuptlinge, Teufel, Teufelsaustreiber, maskierte Schmiede und Missionare, aber auch Staatspräsident Edwin Barclay („leutselige Manieren und Rhetorik, sehr viel Rhetorik. Aber auch sehr viel Energie.“) und den „Diktator von Grand Bassa“, einem für viel Unruhe im Land sorgenden Rebellenführer („Er besaß Persönlichkeit.“)

Der britische Schriftsteller blickt betont ungezwungen auf das, was er sieht und was ihm widerfährt. Dabei ist er nicht frei von kolonialen Überlegenheitsgefühlen und auch rassistischen Anwandlungen (insbesondere bei der Beschreibung einheimischer Frauen), geißelt dann aber wieder, in Monrovia angelangt, „die schäbige Seite der Dinge“. Womit er die zivilisatorischen Errungenschaften meint – die Politik des Landes. Dieser kann er schließlich bei einer surreal anmutenden Bootsfahrt mit liberianischen Politikern nicht mehr aus dem Weg gehen. „Politik in Liberia war ein Würfelspiel mit explosiven Würfeln.“, urteilt Greene treffend, gerade vor dem Hintergrund der damaligen Bestrebungen Frankreichs, Großbritanniens und auch Nazi-Deutschlands, sich das zwar unabhängige, letztendlich aber schon vom Firestone-Konzern mit seinen Gummiplantagen wirtschaftlich ausgebeutete Land einzuverleiben.

Der Satz ist jedoch genauso gültig, wenn man an die Bürgerkriege in Liberia in den neunziger Jahren denkt. Gerade in Bezug auf die politische Gemengelage des Landes lesen sich Greenes Beschreibungen und Analysen der liberianischen Politik nicht so viel anders als die viel aktuelleren von schreibenden Liberia-Reisenden wie Denis Johnson, Tim Butcher oder auch Rainer Merkel.

Doch so viel politisches Material Greene liefern soll, so viel Unbill ihm auf seiner Tour widerfährt, gerade am Ende (Kein Whiskey mehr! Hohes Fieber, Malaria!) – eines seiner Ziele, nämlich näher an die eigenen Ursprünge zu kommen, verfolgt Greene mit größter Beharrlichkeit. Immer wieder streut er Traumsequenzen und Kindheitserinnerungen in seinen Bericht und verbindet diese mit den primitiven Kulturen, denen er in Liberia begegnet. Schließlich fragt er sich, zurück in der Zivilisation: „Es gab Grausamkeit genug dort im Inneren des Landes, aber war es klug von uns gewesen, die übernatürliche Grausamkeit gegen unsere eigene auszutauschen?“

Greene hatte in Liberia sein „metaphysisches Schlachtfeld“ gefunden, wie es der 2013 verstorbene nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe einmal genannt hat, und, stark unter dem Einfluss von Freud stehend, das Urwüchsige, das Primitive Afrikas lustvoll mit der Unschuld, dem Jungfräulichen gleichgesetzt. Greene ging es dabei primär um neue Fluchtwege für sich selbst, und so ist „Reise ohne Landkarten“ nicht nur ein Afrika-Reisebuch, sondern auch das Buch einer Katharsis, eines schriftstellerischen Neuanfangs.


Graham Greene: Reise ohne Landkarten. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2015. 366 Seiten, 22 €.

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