Kultur : Grandhotel Abgrund

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Jörg Plath hält eine

Abschiedsrede auf den Pessimismus

Bisher hat der Pessimismus geholfen. Er war eine schöne Haltung, mit der eine unschöne Gegenwart auf würdige Weise durchgestanden werden konnte. Wer pessimistisch dachte, tat es aus einem Hamletschen Lebensgefühl heraus: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Über ihrem Haupt dräuten Gefahren vom Atomkrieg über die Vergiftung der Nahrung, der Luft und des Wassers bis hin zu terroristischen Anschlägen. Das Leben, eine Katastrophenachterbahn, wusste der Pessimist. Aber er ließ den Kopf nicht hängen. Kein Grund zur Verzweiflung. Nur zum Pessimismus. Damit ist es heute, in einer Zeit der täglichen Horrormeldungen, vorbei.

Einst war der Pessimismus vernünftig. Die Vernunft sei, so der Philosoph Georg Simmel zu Beginn des letzten Jahrhunderts, ein „Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigungen der Großstadt“. Weil sich die Dinge nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem Land nicht zum Besseren entwickelten, koalierte die Vernunft alsbald mit dem Pessimismus. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg waren beide dann so miteinander verschmolzen, dass sie kaum mehr zu unterscheiden waren. Der vernünftige Mensch war – Pessimist.

Allerdings auf Widerruf. Der Pessimist bewahrte sich eine Resthoffnung. Gern hörte er, er sei zu pessimistisch. Nichts gefiel ihm besser, als Unrecht zu haben. Es wäre ja auch nicht auszudenken, hätte er stets Recht gehabt. Wie sähe die Welt dann aus! Sie wäre längst untergegangen. Pessimismus war eine Sicherung. Der Pessimist durchschaute die Katastrophengeschichte und hielt sie sich vom Leib. Was immer geschah, er hatte es schon gewusst. Meist endete der Tag ja friedlich, aber auch wenn er anders endete, hatte der Pessimist zumindest Recht gehabt. Irgendwann wurde es egal, ob wirklich etwas geschah. Am Pessimismus vermochte es nichts zu ändern, der war eine feste Burg. Das Grandhotel Abgrund.

Wie schön, wenn es noch so wäre. Inzwischen hilft nicht einmal der Pessimismus mehr. Die Gegenwart ist düster geworden, so unvernünftig düster, wie sie sich kein vernünftiger Pessimist ausmalen mochte. Die Politik gräbt in immer neuen Etatlöcher, die Wirtschaft kommt nicht aus dem Keller, die Kultur hechelt vor dem Gnadenschuss, die Medien hinterher. Dazu Arbeitslosigkeit, Krankenkassen, Renten- und Steuerdebakel. Die Katastrophe wirkt alltäglich, unfassbar, aber umfassend. Das ist ein bisschen viel des Schlechten. Es zieht dem Pessimisten den Boden unter den Füßen weg. Er will ja nicht die Welt beschreiben, wie sie ist, sondern Abstand von ihr gewinnen. Nun tritt sie dem Pessimisten etwas sehr nah und tut vertraulich. Jetzt, sagt er sich mit letzter Kraft, jetzt hilft nur noch Optimismus.

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