Grass-Gedicht : Musste auch noch gesagt sein

Armes Griechenland, armes Europa - Günter Grass greift wieder dichtend ein. Und scheint unter einem manifesten Aufmerksamkeitsdefizit zu leiden.

von

Günter Grass ist ein sturer Bock. Das Echo auf sein kurz vor Ostern erschienenes Israel-Iran-Gedicht „Was gesagt werden musste“ war zwar groß, aber doch anders, als er sich das vermutlich gedacht hatte – der Applaus der medialen Öffentlichkeit blieb weitgehend aus. Auch sonst waren die Meinungen zu dem Gedicht sehr geteilt, da wurde dem 84 Jahre alten Schriftsteller eher von falscher, ihm sicher nicht genehmer Seite auf die Schulter geklopft. Grass aber interessiert das nicht. Er macht einfach weiter mit dem Gedichteschreiben, mit dem Schreiben von politischen Gedichten, die dann auf eine politische Einmischung abzielen.

Nach dem Nahostkonflikt hat er sich nun der Debatte um Griechenland angenommen, dem Umgang Europas mit dem Land, „das die Wiege Dir lieh“, strategisch geschickt zum Pfingstwochenende veröffentlicht. Das Gedicht heißt „Europas Schande“, ist wie schon das vorhergegangene in der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckt worden und besteht aus zwölf schlanken Zweizeilern. In diesen unternimmt Grass einen Schnelldurchlauf durch Antike, Mythologie, jüngere Vergangenheit und Gegenwart Griechenlands. Von Antigone über Sokrates und den Göttern des Olymp bis zu den deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg und den Obristen der Militärdiktatur der siebziger Jahre: alles drin.

Auffallend ist, dass Grass sich um eine größere stilistische Durchdringung bemüht hat, als in „Was gesagt werden musste“, er Europa durchweg in der zweiten Person anspricht – und an den Pranger stellt. So wie Griechenland von Europa „Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land, dem Dank zu schulden Dir Redensart war“. Oder: „Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht den Gürtel enger und enger schnallt“. Tja, so kann man das irgendwie sagen – aber ob das jetzt wirklich gesagt werden musste? Und ob wir, Du, Europa nun wirklich geistlos verkümmern „ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte“, wie Grass am Ende prophezeit? Armes Europa, kann man da nur sagen. Armes Griechenland sowieso – und armer Grass. Denn ein Gedicht mag ja angehen. Ein zweites, auf dieselbe Art platziertes, lässt den Verdacht aufkommen, Grass leide mit zunehmenden Alter unter einem immer größer werdenden Aufmerksamkeitsdefizit. Will heißen: Auf weitere Grass-Gedichte sollte man sich gefasst machen. Die Welt ist schließlich groß und Debatten lauern überall.

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben