Gratiskunst : Immer an der Wand lang

Der Bund will zwei DDR-Propagandabilder verschenken, um sie vor dem Abriss zu bewahren. Doch das Interesse hält sich in Grenzen.

Annabelle Seubert
Leuchtzeichen. „Lob des Kommunismus“ von Ronald Paris in der Otto-Braun-Straße. Foto: Doris Spiekmann-Klaas
Leuchtzeichen. „Lob des Kommunismus“ von Ronald Paris in der Otto-Braun-Straße. Foto: Doris Spiekmann-Klaas

Den „Lob des Kommunismus“ will niemand. Nicht einmal geschenkt. Wenn er mit Geldscheinen beklebt oder mit flüssigem Gold bemalt wäre, hätten sich alle gierig auf Ronald Paris’ Gemälde gestürzt. Aber so? Wo es bloß aus bunten Farben, expressiver Pinselführung und ideologischen Grundsätzen einer anderen Zeit besteht? Und mit elf Metern Länge in keine noch so spartanisch eingerichtete Wohnung passt?

Es ist immer dasselbe mit dem DDR- Erbe, das ungeliebt das Bild der Hauptstadt prägt. Keiner fühlt sich verantwortlich, kaum einer ist auch nur dankbar. Die meisten möchten es loswerden. Also müssen die DDR-Bauten modernen Wohnhäusern weichen und ihren Denkmalstatus dem Kapitalismus übergeben. Gleiches gilt für diese großflächige, den Arbeiter heroisierende Kunst, die Fassaden und Räume einstiger Behörden schmückt. Die zertrümmert man am besten mit. Gründe gibt es ja genug.

Zwanzig Jahre lang funktionierte das reibungslos. Damit soll jetzt Schluss sein. Im Februar klopfte die Fraktion der Linken bei Kulturstaatsminister Neumann und Bundestagspräsident Lammert an und forderte mittels Kleiner Anfrage eine Erklärung. Wie es sein kann, dass zwei „(nicht nur nach Auffassung der Fragesteller) bedeutende Werke namhafter Künstler, die zugleich wichtige Zeugnisse deutscher Kulturgeschichte darstellen“ durch Abriss gefährdet sind? Was dagegen unternommen werde?

„Lob des Kommunismus“ ist das eine Kunstwerk, um das es der Partei dabei geht. Es prangt im ehemaligen DDR-Zentralamt für Statistik in der Otto-Braun-Straße. Paris, einer der bedeutendsten ostdeutschen Künstler, trug seine Arbeit dort 1969 auf eine Gipswand auf. Leider genau so, dass es 18.600 Euro kosten würde, sie wieder abzumontieren. Hört sich nach viel an, ist eigentlich ein Schnäppchen: Die Bundesanstalt für Immobilien, die das Grundstück 2011 veräußert und darum das Gebäude abreißen lässt, verzichtet auf den Gewinn. Wer die Abnahme zahlt, bekommt das Bild umsonst.

Eine noble Geste? Oder bloß schlecht fürs Geschäft, als Kulturbanause dazustehen? Fragen zum Wandbild beantwortet die Pressestelle der Behörde ausschließlich per E-Mail, was daran liegen mag, dass zahlungsfreudige Kunstsammler auf sich warten lassen. „Bislang scheiterten die Anfragen an der Kostenübernahme für die Sicherung“, schreibt die Pressebeauftragte Iris Luckermans. Schon vor Monaten versuchte die Immobilienanstalt, das Gemälde dem Deutschen Historischen Museum, dem Archiv DDR-Kunst in Beeskow und schließlich auch Privatpersonen per Internet schmackhaft zu machen. Und erntete immer wieder Kopfschütteln.

Beispiel für den Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum

Ein neuer Besichtigungstermin am Montag soll Abhilfe schaffen. Eingeladen diesmal: die Förderkommission Bildende Künste, die Stiftung Stadtmuseum und die Berlinische Galerie. „Die weitere Sichtung und Auswertung der Anfragen ist noch nicht abgeschlossen“, erläutert Iris Luckermans. Jetzt, wo DDR-Kunst öffentlich verteidigt wird, hätten sich „noch einige Interessenten, unter anderem auch Privatpersonen, gemeldet.“

Alles andere als vage endet die Geschichte des zweiten DDR-Kunstwerks in Not, das die Linken-Abgeordneten retten möchten: „Der Mensch, das Maß aller Dinge“ brachte Walter Womacka, langjähriger Rektor der Kunsthochschule Weißensee, mithilfe einer Menge Kacheln 1968 am damaligen Bauministerium in der Breiten Straße an. Es zeigt geometrische Figuren neben einem grüßenden Mann und schafft es auf 15 Meter Höhe. Wieder drohte die Abrissbirne, wieder spielte die Bundesanstalt für Immobilien eine Hauptrolle. Aber, einem gütigen Abnehmer sei Dank, es gibt ein Happy End. Die Wohnungsbaugesellschaft Berlin- Mitte lagert die Arbeit solange ein, bis sich ein neuer Standort dafür findet.

„Wir haben Womacka vom Tablett der Politik genommen“, sagt WBM-Sprecherin Steffi Pianka. Man will ein Beispiel für den Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum sein. Dafür, dass auch Unternehmen Wohltäter sein können. „Wir sitzen am Alexanderplatz, haben also direkt mit Womackas Werk zu tun.“ Im Juni soll es losgehen, mit einer Hubbühne, Fachleuten und Lagerräumen. Das Ganze koste wesentlich weniger als das, was für Paris’ Gemälde kalkuliert wurde. Summen nennt Pianka jedoch nicht. Viel wichtiger sei die „enge Verbindung“ zum Künstler: „Womacka ist seit 1984 unser Mieter.“

Zu dumm, dass Ronald Paris kein WBM-Mieter ist. Denn selbst dem Maler sein Werk zurückzugeben, zöge einen lästigen Verwaltungsakt nach sich. So heißt es warten und hoffen, dass sich jemand des Erbes erbarmt. In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage lässt die Bundesregierung nämlich einfließen, dass Paris’ Arbeit nicht unter Denkmalschutz steht. Und dass sie sich nun mal in einem Gebäude befindet, das „für Zwecke des Bundes“ nicht mehr gebraucht wird.

Das hören die Linken nicht gern. Weshalb ihr Berliner Abgeordneter Thomas Flierl den Unwillen des Staates, sich um den öffentlichen Kunstbesitz zu kümmern, prompt zum Skandal erklärte. „Selbst ungeliebte kulturelle Hinterlassenschaften müssen bewahrt werden“, schob er hinterher. Stimmt. Aber „Lob des Kommunismus“ will ja niemand. Nicht mal geschenkt.

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