Gratulation : Cool geschnulzt

Zum 70. Geburtstag von Neil Diamond

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Eine Anekdote aus dem Jahr 1976: Nachdem er als Gast von "The Last Waltz" - dem Abschiedskonzert von The Band - in San Francisco seinen Song "Dry Your Eyes" gesungen hatte, soll ein blasierter Neil Diamond in der Garderobe zu Bob Dylan gesagt haben: "Du musst verdammt gut sein, wenn du nach mir auftreten willst! Das musst du mir erstmal nachmachen!" Worauf Dylan geantwortet habe: "Was soll ich nachmachen? Auf die Bühne gehen und einschlafen?"

Obwohl er in den 60er- und 70er-Jahren schon unzählige Hits in der Tasche hatte – "Solitary Man", "Cherry Cherry", "Girl, You'll Be A Woman Soon", "Red Red Wine", "Sweet Caroline", "Cracklin' Rosie", "Song Sung Blue" und vor allem "I'm A Believer" in der Version der Monkees von 1966 - war der höchst erfolgreiche New Yorker Songschreiber und Sänger Neil Diamond bei Rock-Fans nicht besonders beliebt. Sie hielten ihn für einen aufgeblasenen Langweiler in albernen Hemden, dem zwar eingängige Melodien einfielen, deren Arrangements er mit klebrigem Sirup überzuckerte und zum pompösen Kitsch aufdonnerte.

Dass er 1976 nicht ins Aufgebot von "The Last Waltz" passte, dass der Schnulzenbarde mit Designer-Sonnenbrille, rotem Hemd und hellblauem Anzug in einem Konzert, wo neben The Band und Dylan auch Van Morrison, Joni Mitchell, Neil Young und Dr. John als Gäste auftraten, wie ein Fremdkörper wirkte, schreibt der "Band"-Schlagzeuger Levon Helm in seiner Autobiografie "This Wheel's On Fire" von 1993. Dort erzählt er auch, wie er, Helm, mit erbittertem Protest verhindert hat, dass zugunsten Neil Diamonds beinahe der Auftritt des legendären Bluesmusikers Muddy Waters in "The Last Waltz" gekippt worden wäre.

Unter den Hörern des Albums "The Last Waltz" war es übliche Praxis, Neil Diamond mit "Dry Your Eyes" zu überspringen: Nadel runter von der Platte nach Joni Mitchells "Coyote" und Nadel wieder drauf für "It Makes No Difference" von The Band. Sein enthusiastisches Millionenpublikum rekrutierte Neil Diamond aus anderen Kreisen. Mehr konservativ angepasst als gegenkulturell hip. Mehr Easy Listening als Rock, mehr Schwulst als Blues, mehr Glätte als Kanten.

Erträglicher waren Diamonds Songs als Interpretationen von Elvis, den Monkees und Deep Purple. Deutsche Versionen sangen Roland Kaiser, Bernd Klüver, Cindy & Bert, Karel Gott und Howard Carpendale. Spötter behaupteten, nicht nur optisch hätte Neil Diamond eine Zeitlang eine gewisse Ähnlichkeit mit Roy Black gehabt.

Doch dann geschah etwas Erstaunliches: Diamond, dessen enorme Plattenverkäufe seit den 80ern stark zurückgegangen waren, veröffentlichte 2005 im Alter von 64 Jahren mit "12 Songs" noch einmal ein überraschend gutes Album, sein bestes. Der Produzent Rick Rubin, der schon die Alterskarriere von Johnny Cash mit den exquisiten "American Recordings" in Schwung gebracht hatte, reduzierte auch Diamonds Songs bei den Aufnahmen bis aufs Gerippe, bis auf ihr Wesen, sparsam arrangiert mit akustischen Instrumenten. Manchmal wird die intime Stimme, ganz dicht am Mikro und ohne Hall nur von einer einzigen Akustikgitarre begleitet. Mit "12 Songs" konnte Diamond sogar manchen alten Spötter überzeugen.

Das folgende Album "Home Before Dark", in der gleichen Art von Rubin produziert, erreichte 2008 die Spitze der amerikanischen Charts. Als 67-jähriger nahm Diamond damit Dylan den Rekord ab als ältester Interpret mit einem Album auf der Nummer-Eins-Position. Kurze Zeit später holte sich Dylan den Titel mit seinem Nummer-Eins-Album "Together Through Life" wieder zurück. Dylan ist vier Monate jünger als Diamond, der am heutigen Montag 70 Jahre alt wird.

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