Kultur : Graue Quellen

Bei der Ruhr-Triennale gehen La Fura dels Baus mit Mozarts „Zauberflöte“ auf eine Reise ins Hirn

Jörg Königsdorf

Von Jörg Königsdorf

Die Herrschaft der Fantasie dauert nur einen Lidschlag lang. Eine Femtosekunde, wie es im Programmheft heißt, wird der stress- und neurosengeplagte Normalo zum Prinzen Tamino, taucht ab in die märchenhaft skurrile Gegenwelt, die sein Unterbewusstsein sich aus den synthetischen Träumen des 21. Jahrhunderts, aus Fantasy-Romanen und Computerspielen, längst geschmiedet hat. Am Ende, nach dreieinviertel Stunden, wird er wieder allein sein, benommen, betäubt von diesem Abenteuertrip durchs eigene Großhirn.

Viele Gehirnzellen sind für diese „Zauberflöte", das Herzstück von Gerard Mortiers zweitem Ruhr-Triennale-Durchgang, strapaziert worden: Die katalanische Anarcho-Theatertruppe La Fura dels Baus, mit Unterstützung Mortiers seit einigen Jahren in Sachen Oper aktiv, hatte eigens einen ganzen Stapel Gedichte bei ihrem Landsmann Rafael Argullol bestellt, die, mit coolem Pathos von Dörte Lyssewski eingesprochen, die neckisch-naiven Originaldialoge Schikaneders durch poetischen Tiefsinn ersetzen sollten. Sehr bunte Videoprojektionen verleihen der nüchternen Industriearchitektur der Bochumer Jahrhunderthalle einen Touch von virtual reality, ein Dutzend gigantische transparente Luftmatratzen füllen als aufgepumpte Hirnsegmente die Bühne, formen sich zu unterschiedlichen Spielräumen und dienen einer Handvoll gelenkiger Gymnastinnen zum Entspannungs-Yoga.

Es sollte, es musste eine ganz besondere Version des Mozartschen Bühnenrenners werden. Denn im Gegensatz zu den zeitgenössischen Stücken und Raritäten, die bislang den Löwenanteil des Programms ausmachten, steht die Triennale in diesem Fall unter besonderem Rechtfertigungsdruck: „Zauberflöten" gibt es auch in den Stadttheatern von Gelsenkirchen bis Wuppertal, die direkte Programmkonkurrenz schürt die ohnehin starken Befürchtungen in der Region, Mortiers Festivalspektakel könne der gewachsenen Kulturszene das Wasser abgraben.

Die Lokalpatrioten können sich freilich vorerst beruhigt zurücklehnen: Bei aller Denkarbeit ist diese „Zauberflöte" zur Kopfgeburt geworden, bei allem Nachdenken über virtuelle Realitäten und Wunschträume unseres Unterbewusstseins sind dem Regieteam Alex Ollé und Jaume Plensa die Figuren irgendwo in den Hirnwindungen abhanden gekommen – mit all den Leidenschaften und Torheiten, die sie eigentlich erst zum Singen berechtigen.

Denn der im Musiktheater seit einiger Zeit tonangebende Trend zur Auflösung jedweder Stückrealität in ein Spiegelkabinett wechselseitiger Projektionen kann auch der „Zauberflöte" nicht zu neuer, gesteigerter Bedeutung verhelfen. Die an sich ja verständliche Weigerung, die Gut-Böse-Schemata der klassisch-romantischen Opernliteratur zu akzeptieren, führt, ähnlich wie schon im Fall von Claus Guths neuer Bayreuther „Holländer"-Inszenierung, schnell in die Belanglosigkeit. Papageno (der darstellerisch etwas unbeholfene Christian Gerhaher in knallrotem Lederdress), Sarastro (Kwangchul Youn), die Königin der Nacht, Tamino (Matthias Klink)und Pamina (Genia Kühmeier) – sie alle wirken in diesem Spiel seltsam neutral, agieren bloß wie die ferngesteuerten Akteure eines Computerspiels.

Die sensuellen Mikroreaktionen, die ein x-beliebiger Erdenbürger einen Sekundenbruchteil lang in seiner Großhirnrinde spürt, reichen eben doch nicht hin, um einen Opernabend zu füllen – erst recht nicht, wenn die grauen Zellen nur so zahme Visionen aufzubieten haben wie in diesem Fall. Alle Hoffnungen, die katalanischen Krawalltheatermacher würden eine archaische, beunruhigendere Tiefenschicht unter der edlen Freimaurerideologie des Werks hervorzerren, legen sich schnell: Als weißbekitteltes Personal einer Versuchsanstalt beschäftigen sie sich hauptsächlich mit dem Ordnen und Emporziehen ihrer Matratzen – Fura ohne Furor.

In der weiträumigen Akustik der Jahrhunderthalle, in der die Stimmen nicht genug Präsenz gewinnen können, hat es auch die Musik schwer, ihrerseits die Wahrhaftigkeit des Erlebten zu behaupten. Was gar nicht an den Sängern liegt, die ihre Aufgabe mit Anstand lösen, ohne besondere Glanzlichter zu setzen. Und noch weniger an Marc Minkowski, der ironischerweise genau das dirigiert, was auf der Bühne nicht stattfindet: ein Theater der Gegensätze, das seine vorantreibende Energie aus dem Aufeinanderprallen von Barock und Klassik, von funkelnder italienischer Oper und deutschem Singspiel, von feudaler Pracht und bürgerlicher Empfindsamkeit gewinnt. Mit seinen groß besetzten Musiciens du Louvre zeigt er, dass nicht die Aufweichung von Gegensätzen, sondern das labile Gleichgewicht von Extremen einen Spannungszustand schafft.

Und das bei ganz wachem Bewusstsein.

Vorstellungen noch bis zum 5. Oktober

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