Kultur : Grauenvoll schön

Auf Augenhöhe mit dem Genie Verdi: Christof Nels „Don Carlo“ in Hannover

Volker Hagedorn

Das Entsetzliche ist schwer auf die Bühne zu bringen. Wie inszeniert man eine Menschenverbrennung? In Hannover sieht es zunächst so aus, als werde der Vorgang aufs Rituelle reduziert. Die Schergen der Inquisition greifen Verdächtige aus der Menge, Frauen und Männer. Schuhe und Mäntel werden abgelegt, die Opfer warten still und verschwinden dann, fast widerstandslos, im Keller. Die Optik ist nobel, transparente Herrschaftsarchitektur, funktional, weißgrau, vorn objekthaft ein langgezogener Quader, durchsichtig. In dem aber wehen irgendwann ganz zart Asche und Rauch empor, schön, grauenvoll schön. Ein Bild dafür, wie wir das Leid, das auf unserer Etage beginnt, auslagern und nur noch als Chiffre wahrnehmen.

Die Autodafé-Szene dieses „Don Carlo“ trifft tief, und so etwas geschieht oft an diesem Abend in Hannovers Staatsoper. Christoph Nel inszeniert im Raum von Roland Aeschlimann die komplexeste und düsterste Oper von Giuseppe Verdi mit einer Klarheit, die fast sanft entsteht zwischen Erzählung und Abstraktion, kongenial kostümiert von Ilse Welter. Das beginnt zwar etwas plakativ, wenn der jungen Gemahlin des spanischen Königs das rote Kleid der Lebensfreude abgenommen und durch hochgeschlossenes Hofschwarz ersetzt wird – aber es erschöpft sich nicht darin. Rollenporträts entstehen, quer durchs Ensemble, in enormer Dringlichkeit, fokussiert gerade durch die saubere, starre, zeremonielle Abstraktion.

Keiner sprengt sie in dieser Produktion so glühend wie der Marquis von Posa des Brian Davis. Dieser Bariton sieht aus wie der junge Schiller und singt so, wie der Dichter der Vorlage in seinen besten Stunden schrieb. Farbenreich, profund, drängend, eloquent erreicht uns seine Stimme, man würde sich von ihm sofort als Freiheitskämpfer rekrutieren lassen. Und man begreift, warum der in seine Macht einzementierte König diesen Mann auf seiner Seite wissen will: nicht nur, um ihn zu entschärfen, sondern auch, weil Posa etwas hat, das ihm fehlt. Filippo II. ist mit Albrecht Pesendorfer ebenfalls stark besetzt, ähnelt einem wächsernen Marlon Brando und gehört sich selbst kaum noch. Ihn lenken ein stiller grauer Bürokrat und der ideologische Überbau, zu dem sich eine schmale Treppe schwingt: Von oben kommt der Großinquisitor.

Stimmlich ist Stefan Kocán nicht von furchteinflößender Tiefe, aber sein metallischer Bass passt zu einem alten, eisig strengen Mann, der hier als Blinder mit seinem Stab des Königs Tisch beklopft und ihn zu seinem macht. Man würde sich wünschen, dass zum nachtschwarzen Duett der beiden das Orchester mehr die stählernen Zähne des Räderwerks zeigen würde, in dem die Menschlichkeit zermahlen wird. Das Niedersächsische Staatsorchester aber neigt dazu, solche Kanten aufzuweichen. Dafür lässt es unter der Leitung von Wolfgang Bozic jenes Leben blühen, das in dieser Oper nur als Vision eine Chance hat – und als unmittelbare Rede. Vielleicht war Verdi in den Sprachlinien seiner Figuren nie dringlicher als hier, wo er auf Schillers Spur historischen Essay und Liebesdrama zusammenzwang.

Als die Königin, die den Königssohn Don Carlo liebt, bei ihrer Verräterin Prinzessin Eboli steht, geht alle Musik in Sprache auf, es wird nicht mehr „gesungen“, es gibt auch kein Publikum mehr, nur noch diesen umfassenden Moment. Was viel zu tun hat mit einer Personenregie, die sehr verschiedene Menschen entfaltet. Da kann Khatuna Mikaberidze alle Energie einer Eboli freisetzen, die so naiv wie gefährlich ist. Und Brigitte Hahn wird, je tiefer diese Elisabetta sich verstrickt, um so komplexer, weicher, offener. Kurios, dass ausgerechnet der Titelheld, Robert Chafin, am ehesten stereotyp bleibt. Und doch passend: zwischen all diesen Gestalten bleibt nur noch Platz für eine Knautschzone, einen Überforderten, der tut, was man ihm sagt, darin den Chor spiegelnd: Das Volk ist bei Nel hilflos – und doch nicht gesichtslos.

Wie einem hier klares, abstrahierendes Nachdenken über die Macht und ihre Institutionen erlaubt wird und zugleich persönliches, brennendes Mitleiden und Mithoffen, das ist eine Leistung, in der sich der Regisseur mit dem Komponisten trifft. Am Ende allerdings hätte er ihn übertreffen müssen. Dem läppischen Schluss der vieraktigen Version, dem schauerromantischen Happy End, bei dem ein Geist die „Bösen“ vertreibt, folgt Nel, als hätte er keine Kraft mehr. Aber nach solchen Horizonten ist das hinzunehmen. Ein großer Abend.

Wieder am 20., 22. und 28. Dezember sowie 11., 13. und 18. Januar

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