Kultur : Graues Wunder

KINO

Silvia Hallensleben

„Damen und Herren ab 65 für Tanztheaterproduktion gesucht.“ So ähnlich lautete die Anzeige, mit der Pina Bausch 1998 in Wuppertaler Zeitungen Tänzer und Tänzerinnen für ihre Reinszenierung von „Kontakthof“ suchte, der Choreografie, mit der die Prinzipalin und ihre Truppe zehn Jahre vorher durch Europa getourt waren. Auch die Neuauflage wurde ein Erfolg: der Film Damen und Herren ab 65 zeigt uns die umjubelte Premiere. Doch erstmal macht Tanzen viel Arbeit, auch wenn Bausch keine Pirouetten und Doppelaxel von ihren Eleven fordert. Schließlich hatten die meisten der frisch entstandenen Seniorentruppe noch nie auf einer Bühne gestanden. Ein ganzes Probenjahr lang hat die Frankfurter Dokumentar- und Experimentalfilmerin Lilo Mangelsdorff die Vorübungen von Bauschs Produktion mit dem Kamerateam begleitet. Zwölf Monate, in denen die 26 Darsteller und Darstellerinnen im Alter von 60 bis 80 Jahren sich bis zur Bühnenreife vorgearbeitet haben. Zwölf Monate Arbeit und Ausgelassenheit, Einzelkämpfe und gegenseitiges Lernen, Feindseligkeiten und Freundschaft, Anerkennung und Kritik: Besonders letztere anzunehmen, fallt nicht immer leicht, wenn man schon ein langes Leben erfolgreich gemeistert hat.

So unauffällig und allgegenwärtig hat sich die Kamerafrau Sophie Maintigneux unter die Truppe gemischt, dass sie für ihre Arbeit letztes Jahr zu Recht den Kamerapreis des Dokumentarfilmfestivals in Leipzig bekommen hat. In kurzen Interviews kommen aber auch die Einzelnen mit ihren privaten Erlebnissen zu Wort. Denn die Persönlichkeit verändert sich in der kollektiven Arbeit an Geist und Körper. Und auch das Stück wächst und verändert sich unter den Eingriffen der Mitwirkenden. Und um Beziehungen geht es schließlich im „Kontakthof“. So zeigt die mitreißende Lebensfülle dieser Produktion – zu sehen im Bali und in der Filmbühne am Steinplatz – als Spiegelbild auch die Beschränkungen dessen, was Tanztheater sonst manchmal bedeutet. Die Damen und Herren in reifem Alter werfen ein sehr warmes Licht auf Pina Bauschs Stück, das ihren Lebenserfahrungen offensichtlich gewachsen ist.

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