Kultur : Grausam ist der Schmerz

Ein Zeitgenosse: Düsseldorf feiert Caravaggio mit einer Großausstellung – der ersten in Deutschland

Christina Tilmann

In Amsterdam standen sie sich Anfang des Jahres direkt gegenüber: Rembrandt und Caravaggio, die Meister des Barock, der Niederländer und der Italiener, der Menschenfreund und der Gewalttäter. Eine herausragende Ausstellung im Van-Gogh-Museum hat die unterschiedlichen Malertemperamente konfrontiert. Die beiden waren einander ebenbürtig.

Rembrandt und Caravaggio sind die beiden Künstler des Jahres. Zu Rembrandts 400. Geburtstag zeigt die Gemäldegalerie Berlin derzeit eine dreiteilige Großausstellung. Caravaggio, ganz ohne Jubiläum, wird nun im Museum Kunst Palast in Düsseldorf im Rahmen des neuen Kunstfests „Quadriennale“ gefeiert, es ist die erste Caravaggio-Ausstellung überhaupt in Deutschland. Man titelt: „Genie auf der Suche“ (Rembrandt) und „Auf den Spuren eines Genies“ (Caravaggio). Und lacht in Berlin Rembrandts „Junges Mädchen“ auf rotem Plakatgrund, ist es in Düsseldorf Caravaggios „Johannes“ auf Violett.

Sie haben mehr miteinander zu tun als angenommen. „Ohne ihn hätte es keinen Ribera, Vermeer, Georges de la Tour oder Rembrandt gegeben“, hat Caravaggio-Kenner Roberto Longhi in den 50er Jahren geschrieben. Damals wurde Caravaggio, der im 19. Jahrhundert völlig in Vergessenheit geraten war, gerade wiederentdeckt. Heute ist man eher geneigt, in Caravaggio den Mann unserer Zeit zu sehen: „Caravaggio ist zum Mythos unserer Zeit geworden, wie es Rembrandt für das 19. Jahrhundert war“, schreibt Museumschef Jean-Hubert Martin im Katalog. Und Henning Mankell, der aus Anlass der Düsseldorfer Ausstellung in einem Begleitbüchlein ein Langgedicht veröffentlichte, kommt zu dem Schluss: „Caravaggio ist unser Zeitgenosse.“

Dass mag zum einen am Leben des Malers liegen: Sex and Crime gibt es bei ihm zuhauf. Nicht umsonst hat Caravaggio in den letzten Jahren immer wieder Stoff für saftige Historienromane gegeben. Auch die Autoren, die Kurzgeschichten zum Begleitbuch beigesteuert haben, von Andrea Camilleri bis Florian Illies, berauschen sich am Leben des Malers und Mörders, Raufbolds und Genussmenschen, der in Rom mit Prostituierten und Straßenjungen durch die Tavernen zieht, bei Kardinälen und Adligen ein und aus geht, nach einem Totschlag über Neapel nach Malta flieht und schließlich, auf dem Weg zur päpstlichen Vergebung, kurz vor Rom am Strand von Porto Ercole 1610 im Alter von 39 Jahren an Sumpffieber stirbt. Sein Leben und sein früher Tod, seine Homosexualität und seine Rebellion sind mit Pasolini verglichen worden. Derek Jarman hat Caravaggio einen Film gewidmet, und Kurator Jürgen Harten erklärt Caravaggios Popularität so: „Hätte er heute gelebt, er wäre Filmregisseur geworden.“

In Düsseldorf ist der Meister der großen Effekte zu erleben, der Hell und Dunkel wie Spotlights verteilt, unendliche Grausamkeit malt, und immer den Moment der großen Tat. Da drängt sich Judas bei der „Gefangennahme Christi“ an Jesus heran, während ein Jünger entsetzt flieht, die Soldaten schon Hand anlegen, und Caravaggio selbst hält dem grausigen Geschehen als Selbstporträt die Laterne hin. Die Jünger beim „Gastmahl zu Emmaus“ schrecken bei Christus segnender Geste auf, als sei unter ihnen tatsächlich ein Geist erschienen, der „Ungläubige Thomas“ bohrt drastisch mit dem Finger in der Seitenwunde Jesu, und „Maria Magdalena in Ekstase“ hat den Kopf entseelt, fast besinnungslos nach hinten geworfen: Modell gestanden hat eine Prostituierte. Der grandiose „Amor“ aus Berlin trifft auf den „Johannes“ aus Rom: beidesmal das gleiche Modell, der herausfordernd-laszive Blick des Straßenjungen Cecco, der Caravaggio in der Werkstatt half.

„Amor“ und „Johannes“ sind, effektvoll in Sichtachse an den Enden des Ausstellungssaals gehängt, die Höhepunkte der Ausstellung. Daneben auch Mittelmaß. Denn Caravaggios Popularität wurde für die Düsseldorfer Ausstellungsmacher zum Problem. Im Jahresturnus wechseln derzeit die Caravaggio-Ausstellungen rund um den Globus, die aufsehenerregendste sicherlich die Vorstellung des Spätwerks in Neapel und London 2004/05. Für Düsseldorf, das in seinen eigenen Sammlungen zwar einen hervorragenden Rubens, aber keinen Caravaggio führt, war es schwierig, genügend Bilder zusammenzubekommen: Es sind überhaupt nur 90 Werke überliefert, viele von ihnen werden, wie die spektakuläre „Enthauptung Johannes des Täufers“ in Malta, nie ausgeliehen.

Immerhin 38 Werke sind nun zusammengekommen, allerdings keineswegs alles gesicherte Originale, sondern eine bunte Mischung aus eigenhändigen Stücken, Repliken, zeitgenössischen und späteren Kopien: „Doppelgänger“ und „neue Vorschläge“ nennen sie die Kuratoren. Der Weg, den man aus Not gewählt hat, ist Umweg und Königsweg zugleich – und führt noch einmal zu Rembrandt zurück. Denn die Diskussion über Eigenhändigkeit und Zuschreibung ist bei Rembrandt inzwischen einigermaßen abgeschlossen. Bei Caravaggio steckt man noch mitten drin. Wie bei kaum einem anderen Maler streitet man über Zuschreibungen und Kopien, allein in den letzten Jahren sind Werke aus Privatsammlungen aufgetaucht, die sich als Originale erwiesen. Während bei Rembrandt das Œuvre immer kleiner wurde, wächst es bei Caravaggio beständig an.

So bietet die Düsseldorfer Caravaggio-Ausstellung ein ganz anderes Bild als die Berliner Rembrandt-Schau. Hängen in Berlin wissenschaftlich gesicherte Meisterwerke auf edel-grünem Grund, umgeben von einer Aura unangefochtener Einzigartigkeit, traut der Besucher in Düsseldorf seinen Augen kaum. Zwei-, drei-, ja viermal taucht das gleiche Motiv nebeneinander auf, und keineswegs lässt sich mit bloßem Auge erkennen, was hier Original ist, was Replik und was Kopie. Zumal die Ausstellungsmacher bewusst darauf verzichtet haben, autoritär die eigene Überzeugung vorzuführen: Nur spätere Kopien sind klar gekennzeichnet, ansonsten hängt zeitgenössische Kopie und Replik neben dem Original. Die Möglichkeit zum Vergleich ist nicht zuletzt für die Wissenschaft eine einmalige Chance.

Eine erhellende, aber auch deprimierende Erfahrung: Auf den Spuren des Genies löst das Genie sich in Einzelteile auf. Sicher, manches lässt sich wissenschaftlich erklären: So geht man davon aus, dass Caravaggio kaum je vorzeichnete, sondern direkt auf der Leinwand arbeitete, und zwar mit Bleiweiß. Röntgenaufnahmen können also belegen, wo die Bleiweißskizze vorhanden ist, wo nicht. Auch Korrekturen während des Malprozesses gelten als Indizien für Eigenhändigkeit, ebenso feine Ritzlinien, mit denen Caravaggio die Figuren markierte. Doch wieder trübt sich das Bild: Als eigenhändig anerkannte Werke wie das „Gastmahl von Emmaus“ in London zeigen weder Bleiweißskizzen noch Korrekturen.

So ist die Düsseldorfer Ausstellung, die sich auf dem Höhepunkt der Forschung sieht, gleichzeitig ein Beleg, wie konfus der Forschungstand noch ist. Hinzu kommt, dass nicht wenige Bilder derzeit wegen ungeklärter Besitzverhältnisse von der italienischen Staatsanwaltschaft beschlagnahmt sind. Andere bekamen keine Ausfuhrgenehmigung. Bedenkt man dazu, dass offenbar immer noch unbekannte Kopien, Repliken oder auch Originale unerkannt in Privatsammlungen schlummern, liegt der wahre Krimi heute nicht so sehr in Caravaggios ereignisreichem Leben, sondern eher in seinem Nachleben. Der Mörder, pardon, der Künstler ist noch nicht überführt.

Caravaggio. Museum Kunst Palast Düsseldorf, bis 7. 1. 2007. Katalog 24,50 €. Maler. Mörder. Mythos. Geschichten zu Caravaggio. 7,95 €, beides Verlag Hatje Cantz.

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