Kultur : Greenpeace: Natur ist alles

Caroline Fetscher

Nicht nur Bob Dylan oder George Harrison altern, die Popstars unserer Jugend - von denen man erschreckt liest, dass sie 50 oder 60 geworden. Auch die weltweit operierende Umweltschutzorganisation Greenpeace mit dem Image einer "Jugendorganisation" kommt in die Jahre. Greenpeace hat im Westen seinen Zenit hinter sich - die Tage, in denen wir damaligen Mitarbeiter im Rausch des Spendenbooms und der öffentlichen Erfolge Schiffe kauften und die Mächtigsten aller Mächtigen konfrontierten - Chemiekonzerne, Ölindustrie, Atomlobby.

Wer Anfang der Achtziger Jahre zum Verein kam, konnte vom Größenwahn der kleinen Gruppe frappiert sein, die an Präsidenten und Kalte Krieger Pamphlete gegen deren Rüstungsparks sandte. Von der Großindustrie wurde so gesprochen, dass man meinte, hier säßen ein paar Wahnsinnige und Mutter-Erde-Retter im Keller des Konzerns, jederzeit bereit, das Gebäude im Namen der Wale und Wälder in die Luft zu jagen. Die deutsche Sektion, inzwischen verantwortlich für knapp zwei Drittel des internationalen Budgets, war zunächst nur der kleine Vetter der Kanadier und Amerikaner, die den Ton angaben.

In Kanada, das wissen wenige, entstand Greenpeace 1971 als Reaktion auf den Vietnamkrieg: Amerikaner, die sich nach Vancouver geflüchtet hatten, um nicht in die US-Army eingezogen zu werden, gründeten Greenpeace als ein Komitee gegen Atomwaffentests auf Amchitka-Island. Ausgestattet mit allem, was damals zu einer Bewegung gehörte - lange Haare, spirituelle Literatur, vegetarisches Essen, Gitarren und Querflöten - charterten sie ein Schiff und nahmen Kurs auf die Test-Insel.

Das "Greenpeace-Chronicle" von Bob Hunter, der diese Geschichte mitreißend und journalistisch raffiniert erzählt, wurde jedoch nie ins Deutsche übersetzt. Die Gründer gerieten rasch in Vergessenheit. Auch der legendäre, und vor kurzem gestorbene Kanadier und einstige Hotelmanager, der Hobbysegler David McTaggart, ab Mitte der Siebziger lange Jahre internationaler Chef der Organisation, gehörte schon nicht mehr zu den Hippies von damals. Von deren "Spirit" war die deutsche Sektion, zehn Jahre darauf, dann bereits weit entfernt.

In einer Mischung aus Körner-Szene und Pragmatismus, nach allerhand Machtgerangel und Richtungsstreit, wurden die Deutschen vor allem zum Fundraising-Motor des Schiffes "Greenpeace". Ohne einen Pfennig von Regierungen oder aus der Wirtschaft zu erhalten, wurde Greenpeace stark, weil Massen und Medien, von "Bild" bis "taz", mit den Seehelden sympathisierten.

Greenpeace wurde sarkastisch als "Werbeagentur mit angeschlossener Stuntmangruppe" beschrieben. Aber die Erfolge sind enorm: Die imponierende Liste reicht vom bleifreien Benzin bis zum kompletten Naturschutz für die Antarktis oder dem Verbot des Exports von Giftmüll in die Dritte Welt. Greenpeace ist zu Recht stolz darauf.

In den Jahren nach dem Brent-Spar-Debakel, der Aktion gegen das Versenken einer Bohrinsel, die erst einen zweiten Boom und dann eine Desillusionierung brachte, hat sich Greenpeace International, mit Sitz in Amsterdam, zunehmend vom Westen weg und in den Fernen Osten orientiert. Die Begeisterung und Professionalität von Mitstreitern in Japan, Malaysia, Hongkong oder China findet der deutsche Physiker Gerd Leipold, als Nachfolger von Thilo Bode seit März Direktor von Greenpeace International, "enorm inspirierend". Während sich im Westen, mit "Attac" und anderen Globalisierungsgegnern, eine neue, politische Hinwendung zur Südhemisphäre der Welt abzeichnet, orientiert sich der industrialisierte Ferne Osten am Westen, an den erfolgreichen Globalökologen.

Ein Hauptgeheimnis des Greenpeace-Erfolgs ist die "unpolitisch" wirkende Geste, die Nur-Natur-Atmosphäre der Organisation. Das ist jungen Global-Attack-Leuten zu wenig. Sie fordern zu Recht die soziale Dimension ein, die der Weltpolitik fehlt. Greenpeace hätte, etwa im Kampf gegen den Shell-Konzern, die parallel arbeitenden nigerianischen Aktivisten um Ken Saro Wiwa nicht im Stich lassen dürfen. Das sei Amnesty-Terrain, sagte man. Saro Wiwa wurde hingerichtet.

Wo "Natur" von sozialen und politischen Themen losgelöst proklamiert wird, entsteht eine politische Schräglage. Aus dieser befreit sich Greenpeace zunehmend. So gibt es heute kaum noch Kampagnen, in denen nicht auch die sozialen Fragen zumindest diskutiert werden. Und dass etwa das Verbot des Giftmüll-Exports auch große soziale Effekte hat, ist unbestritten.

Junge Globalisierungskritiker suchen ihren Ort lieber in der Wärme spendenden Spontangruppe, in Massendemos und beim Gipfel-Hopping. In fünf oder acht Jahren haben vielleicht auch sie eine behördenähnliche Struktur entwickelt, Machtkämpfe hinter sich und schreiben zwanzig Jahre später wehmütig Kommentare über ihre frühen Jahre als Aktivisten reinen Herzens.

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