Kultur : Gregor Gysis Sonnenfinsternis

Der Mächtige ist am reuigsten allein: Zur Erklärung eines Rücktritts, zur Stilisierung eines Sündenfalls

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Von Peter von Becker

Er war nicht der Kultursenator, aber der Kultsenator: fast ein Popstar seines Gewerbes – weil in der Ausstrahlung eine Mischung aus Sartre, Elton John und Manfred Krug. Die Glatze auf dem heißen Blechdach der Politik.

Plötzlich abgesprungen, weggeduckt. Auch dieser jähe Akt scheint zum theatralen Effektbewusstsein Gregor Gysis zu passen. Obwohl ihm die unbestreitbare Originalität fehlt. Auf den ersten Blick nämlich gleicht dieser Abgang auch einer Kopie des Knallfallrückzugs von Oskar Lafontaine. Wieder der Chef eines politischen Schlüsselressorts, wieder der starke Mann seiner Partei und ein politisches Urtemperament, hoch polarisierend und hoch populär, also mit Unterhaltungsqualität. Doch Lafontaine machte seine Volte ohne nähere Begründung, es war ein Schachzug ohne Regel, voluntaristisch, egomanisch und zunächst so rätselhaft wie der blitzartige Machtabwurf eines Shakespearekönigs – auch wenn Potentat Oskar im übrigen weit mehr für ein bürgerliches Sternheimdrama taugt.

Gregor Gysi aber hat der Öffentlichkeit, wenngleich nicht leibhaftig verkündet, am späten Mittwochnachmittag eine ausführlichen Rücktrittserklärung übermittelt. Und sein Text ist in dieser an unterschiedlich geschwollenen Rückzugserklärungen nicht ganz armen Zeit (Kirch, Scharping, Middelhoff) ein Dokument sondergleichen. Gysi sagt gleich eingangs, er habe „hinsichtlich der privaten Nutzung von auch durch Dienstreisen während meiner Zugehörigkeit zum Bundestag angefallenen Bonusmeilen (...) einen Fehler begangen, den ich mir nicht verzeihen will.“

Gysi sagt nicht: Es war ein Fehler (was weniger wäre als eine Verfehlung), Entschuldigung und basta. Nein, es ist ein Fehler, „den ich mir nicht verzeihen will“. Der Souverän, bei dem man sich entschuldigt und der dann womöglich verzeihen könnte, ist nicht das Volk und damit der Steuerzahler. Es ist der fehlbare Volksvertreter selbst. Nun könnte man noch denken, dass Gysi uns damit nur sagen wollte: Ihr anderen mögt diesen Fehler vielleicht für eine Bagatelle halten, aber für mich selbst ist das eben unverzeihlich!

Hierbei mischen sich bereits zwei unterschiedliche Haltungen, zwei Gesten. Einmal die nicht unsympathische Anspielung darauf, dass die falsch verflogene Bonusmeile als karriereknickende Malusstrecke eigentlich ein Fall politischer Hypokrisie und übertriebener Sühne darstellt. Ein neues Stück Tugendterror. Allerdings taugt der im bisherigen M & M-Enthüllungsdrama federführende Chefredakteur von „Bild“, dieser Hochburg von Keuschheit und Sitte, denn doch nicht zum Robespierre. Gregor Gysi aber, der als hedonistischer Linker viel eher zum Danton taugt, spielt sich und uns den fehlenden Robespierre, den größten Tugendwächter, gleich selbst noch mit. Er will sich seinen Fehler nicht verzeihen.

Gysi, der charmanteste Mensch, der je Untersuchungsgegensstand der Gauck-Behörde war, tritt jetzt auch in seiner Rücktrittserklärung in einer Doppelrolle auf. Er beteuert, die Frage von Miles und Mores sei „kein dramatischer Vorgang, nichts Strafbares, für viele berechtigt, kein Rücktrittsgrund, wenn man Moral in der Politik nicht jenseits der gesellschaftlichen Realitäten gelten lassen will“. Im Klartext heißt das: Moral ist nichts für Heilige, sondern die Verkehrsregel lässlicher Sünder, also von Menschen. So spricht Danton. Warum dann der Rücktritt?

Gregor Gysi , der sich als Anwalt auch zum eigenen Richter macht (und den Geldwert Freiflüge nicht der Bundestagskasse erstatten, sondern edel selbstherrlich Amnesty International spenden will), er übernimmt zugleich noch die Rolle des Selbstanklägers. Er sei, als gäbe es keine Reisekostenvorschriften des Parlaments, „gedankenlos einer Fehlinformation“ gefolgt. Und das „zeigt mir, dass ich mich entfernt habe von meinen Wählerinnen und Wählern, dass ich begonnen habe, Privilegien als selbstverständlich hinzunehmen, dass ich mich bei der Unterscheidung zwischen berechtigt und unberechtigt nicht mehr hundertprozentig auf meinen Instinkt verlassen kann“.

Von Gesetzen oder Verwaltungsvorschriften ist bei dem Juristen Gysi nicht mehr die Rede, nur noch vom selbstgesetzten Rechtsempfinden seines „Instinkts“. Dieser Instinkt also hat ihn getrogen – und da könnten wir nun lange Immanuel Kant zitieren, der von der „Kritik der praktischen Vernunft“ bis zur „Metaphysik der Sitten“ einst zu erklären versuchte, dass Recht und Rechtsbewusstsein (oder gar: Zivilisation) kaum auf naturwüchsiger Erfahrung oder gar Instinkten beruhen. Aber im Rausch der selbstbeobachtenden Reue fährt der Ex-Senator fort, von seiner Sorge zu sprechen, „dass ich dabei bin, so zu werden, wie ich nie werden wollte“. „Kurzum: Ich fürchte mich vor meinen eigenen Persönlichkeitsveränderungen.“

Das Geständnis, die Entscheidung sind so zur Inszenierung geworden. Der Ton ist narzistisch und postkommunistisch. Narzistisch, weil es außer dem stilisierten Selbstbild keine Außenwelt mehr gibt, keine Verantwortung gegenüber der von Haushaltselend und drohender Unregierbarkeit gebeutelten Stadt, gegenüber der ohne ihn nie zustandegekommenen rot-roten Koalition, gegenüber seinen Mitbürgern oder Parteifreunden. Was bleibt, ist nur das Image im Spiegelbild der zur Formel erstarrten „Wählerinnen und Wähler“. Und das Ego eines Menschen, der vorgibt, den eigenen, einzigartigen moralischen Maßstäben nicht mehr gewachsen zu sein – der den anderen zuruft: Nach mir und meinen Sünden die Sintflut!

Hierbei allerdings spielt Gregor Gysi unbewusst auch das Pathos der Selbstanklagen und Reuereden in den stalinistischen Schauprozessen noch einmal nach. Als Gehirnwäsche erscheint nun nicht der Terror eines totalitären Regimes, sondern das offenbar schleichende Gift demokratischer Machtbeteiligung und der ominöse Zusammenhang von Politik und „Privilegien“, Stichwort: „Persönlichkeitsveränderungen“. Verkleinert zum Show-Prozess gibt Gysi den Rubashov aus Arthur Koestlers 1938 erschienem Roman über die sowjetische „Sonnenfinsternis“: Der war überreuig, nahm das Tribunal auch als Theater und hatte den Januskopf des Opfers und Täters.

Indem G. G. über Nacht aus jeglicher politischer (und sozialer) Verpflichtung flieht, offenbart er eine Spaltung von beteuerter Moral und gemiedener Verantwortung. Er wäre ein Paradefall für Max Weber, der vor gut 80 Jahren gegen linke und rechte Gesinnungsethik in seinem Essay „Politik als Beruf“ als praktische Verantwortung beschrieben hatte, was es heißt, die „ethischen Paradoxien“ und den aus dem eigenen politischen Handeln erwachsenen „Druck“ selbstkritisch und selbstbewusst auszuhalten.

Kaum vorstellbar, dass Gregor Gysi, der seinen Rücktritt vom Rücktritt von der Politik im Jahr 2000 jetzt als seinen Grundfehler bezeichnet, sich nun tatsächlich zum Privatmann wendet. Er entzieht sich dem Druck der Öffentlichkeit und der Praxis des politischen Kärrners, wird aber auf die öffentliche Prominenz nicht verzichten wollen. In Talkshows zu reden ist vergleichsweise stressfreier, gratismütiger und doch bezahlt.

Sein wahres politisches Talent aber hat er damit für immer vergeudet. Denn statt des Kultsenators wäre er im rot-roten Senat der geborene Kultursenator gewesen: Als Bürgermeister und Stellvertreter des Regierenden hätte das für Berlin nach dem Bruch der Großen Koalition tatsächlich ein Aufbruchszeichen bedeutet. Schon Jack Lang oder Walter Veltroni waren in Paris und Rom einmal Vizepremiers als Kulturminister. Aber Gysi setzte auf die traditionellen Schlüsselressorts und die alte Macht. Ein Revolutionär war er nicht. Also auch kein Danton.

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