Kultur : Grenzen der Freundschaft

Eine Berliner Ausstellung erinnert an deutsche Polenbegeisterung

Michael Zajonz

Kaum jemand kann sich noch vorstellen, dass bis vor ein paar Jahrzehnten von tausendjähriger Feindschaft die Rede war, wenn Deutsche und Polen ihre nachbarschaftlichen Beziehungen meinten. Polen ist seit Mai 2004 Mitglied der EU, auch wenn die Diskussionen über das geplante Zentrum für Vertreibung in Berlin andauern, haben sich die Empfindlichkeiten auf geschichtspolitischem Feld beruhigt. Dass es schon einmal eine Phase überwältigender freundschaftlicher Nähe gegeben hat, ist hüben wie drüben so gut wie vergessen. An diesen Glücksmoment zweier Völker erinnert die Ausstellung „Polenbegeisterung. Deutsche und Polen nach dem Novemberaufstand 1830“ im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem.

Der durch die Pariser Julirevolution von 1830 ausgelöste polnische Novemberaufstand rief unter Demokraten in ganz Europa eine Welle der Begeisterung hervor. Er endete mit der militärischen Niederlage der polnischen Armee, die für die Freiheit ihres seit 1795 zwischen Russland, Österreich und Preußen geteilten Vaterlands gegen die Truppen des russischen Zaren aufgestanden war. Polnische Emigranten – es waren zwischen 8000 und 10 000 – wurden auf ihrem Zug durch Deutschland allerorten gefeiert. Der Leipziger Verleger Friedrich Brockhaus empfing an der Stadtgrenze 3500 polnische Emigranten, unter dem Jubel der Bevölkerung, gegen den Willen der Obrigkeit. Die meisten der Vertriebenen waren auf der Durchreise. Viele gingen nach Frankreich. Preußens Regierung wollte keine Revolutionäre im Land, erst recht nicht, wenn sie sich gegen den Verbündeten Russland erhoben.

Geblieben sind populäre Erinnerungsstücke. Sie machen auch den besonderen Charme der didaktisch etwas spröden Ausstellung aus. Die von der Damenwelt umschwärmten polnischen Helden hinterließen ihre Spuren auf Gemälden wie Dietrich Montens Rührstück „Finis Poloniae“, das seit ihrer Gründung zum Bestand der Berliner Nationalgalerie gehört. Eine Art weltliches Golgatha: Zwei müde Soldaten in der Pose von Christus und Johannes stehen am Grenzstein, ein berittener Offizier mit den Zügen von Fürst Jósef Poniatowski, Napoleons 1813 bei Leipzig gefallenem Heerführer, weist den Weg in die Fremde. Nun scheint Polen doch verloren.

Der 1831 vom Münchner Schlachtenmaler Monten geschilderte Abschied der Kämpfer findet sich auch in Neuruppiner Bilderbögen und Liedtexten, auf bemalten Pfeifenköpfen oder Sammeltassen: ein Hoch der patriotischen Gemütlichkeit. Richard Wagner und Albert Lortzing komponieren Singspiele und Ouvertüren, Karl von Holtei reimte den Text des „Lagienka-Liedes“. An den Gassenhauer der Biedermeierzeit erinnert sich noch der alte Fontane in seinen 1893 erschienenen Memoiren „Meine Kinderjahre“.

Die deutsch-polnische Solidarität gipfelte im Hambacher Fest von 1832. Die Verbrüderung war nicht von Dauer, schon in den Debatten des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments definierte sich die deutsche Nation gegen ihre Nachbarn. Berlin ist die zweite Station der Ausstellung: Das Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Ausstellungszentrums Königliches Schloss in Warschau war im Rahmen des Deutsch-Polnischen Jahres bereits in der polnischen Hauptstadt zu sehen. In Berlin nutzten die Kulturminister Kazimierz Michal Ujazdowski und Bernd Neumann die Gelegenheit, sich erstmals zu treffen. Ujazdowski verlieh Konrad Vanja, dem Direktor des Museums Europäischer Kulturen, das Kavalierkreuz des polnischen Verdienstordens. Vanja hatte zum Thema Polenbegeisterung bereits 2001 eine Wanderausstellung konzipiert, die in Polen, Deutschland und Brüssel gastierte.

Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25 (Dahlem), bis 30. April, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, Katalog 15 €.

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