Kultur : Grenzen ohne Grenzen

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Cordelia Edvardson über die Via dolorosa einer jungen Palästinenserin

An einer der unzähligen Straßensperren, die die israelische Armee im besetzten Westjordanland errichtet hat, starb die 21-jährige Aischa Ali Hassan Absi in den Armen ihres Bruders. Die junge Palästinenserin aus der Ortschaft Kibja war in einem Taxi unterwegs nach Ramallah gewesen, wo sie sich zweimal wöchentlich einer Dialysebehandlung unterziehen musste. Von Kibja nach Ramallah braucht man mit dem Wagen normalerweise eine halbe Stunde, doch wegen der Straßensperren wurde daraus eine Via dolorosa. Sie endete nach sechseinhalb Stunden mit dem Tod der jungen Frau.

Aischa war nicht die Erste, und sie wird gewiss nicht die Letzte sein, die sterben musste, weil sie an den Straßensperren nicht oder nicht rasch genug durchgelassen wurde. Palästinensischen Quellen zufolge haben das israelische Ausgangsverbot und die Belagerung palästinensischer Ortschaften seit dem Ausbruch der Intifada vor knapp zwei Jahren zum Tod von 62 Palästinensern geführt – weil ihnen damit eine medizinische Behandlung oder Arzneimittel verwehrt wurden.

Taxi bis zur nächsten Sperre

Den ersten Versuch, Aischa zur Dialyse ins Krankenhaus zu bringen, unternahm ihr Vater Ali. Zwischen acht und elf Uhr vormittags fuhr das Sammeltaxi – die Familie hat kein eigenes Auto – alle denkbaren Wege und Abkürzungen, um nach Ramallah zu gelangen. Überall Straßensperren, an denen niemand durchgelassen wurde, nicht einmal eine schwerkranke junge Frau. Der Vater legte eine Bescheinigung des Krankenhauses vor, dass die Dialysebehandlung für seine Tochter lebenswichtig sei. Man erklärte ihm, er solle verschwinden, und drohte zu schießen, wenn er nicht sofort umkehre. In solchen Situationen behelfen sich die Palästinenser damit, dass sie an der Straßensperre aus dem Taxi steigen und ihren Weg zu Fuß auf unbefahrbaren Schotterpisten und über Hügel fortsetzen. Nach manchmal kilometerlangen Märschen durch Hitze und Staub nehmen sie ein neues Sammeltaxi bis zur nächsten Straßensperre, wo sich das Ganze wiederholt.

Solche Strapazen konnte Aischa nicht mehr überstehen. Der Vater kehrte mit ihr nach Hause zurück. Am Nachmittag verschlechterte sich ihr Zustand, woraufhin ihr Bruder Amjad einen neuen Versuch unternahm. Der Taxifahrer schlug sich auf einer Schotterpiste durch. Er wusste, dass Aischa im Sterben lag. Macht nichts, wenn das Auto kaputt geht, soll er gesagt haben, wenn Aischa nur ins Krankenhaus kommt. Schließlich stießen sie unerwartet auf eine neue Absperrrung. Das Besondere bei den israelischen Straßensperren ist, dass sie ständig verlegt werden. Eine Straße, die gestern noch offen war, kann heute gesperrt sein. Nachdem sie noch einige Male angehalten worden waren, standen sie schließlich vor einer Sperre, die von der israelischen Grenzpolizei bewacht wurde.

Für Palästinenser kann es einen großen Unterschied machen, ob sie auf einen gesetzten Familienvater treffen, der seinen Reservedienst an einer Straßensperre ableistet, oder auf junge, rüde, mitunter unerfahrene Burschen von der Grenzpolizei. Amjad, inzwischen verzweifelt, stieg aus, um die Bescheinigung des Krankenhauses vorzuweisen. Und der Taxifahrer rief den Soldaten auf Hebräisch zu, dass eine sterbende junge Frau in seinem Wagen liege. Daraufhin riefen die Soldaten: „Haut ab! Verschwindet!“ und schossen in die Luft, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Als Amjad dennoch einen weiteren Schritt wagte, schossen sie mit Tränengas. Auf seiner Verzweiflungsfahrt hatte Amjad schon beim Roten Halbmond angerufen und darum gebeten, einen Krankenwagen zu schicken. Man sagte ihm, auch deren Fahrzeuge würden nicht durchgelassen.

Befehl ist nicht Befehl

Auf dem Rückweg nach Kibja klagte Aischa, die den Kopf auf die Knie ihres Bruders gelegt hatte, dass ihr vom Tränengas schlecht sei. Aber nach einer Weile schien sie eingeschlafen zu sein. „Mir war nicht klar, dass sie für immer eingeschlafen war, ich wollte es nicht wahrhaben“, berichtet Amjad später. „Zu Hause bin ich dann sofort zum Arzt gelaufen, aber er konnte auch nicht mehr tun, als den Totenschein auszustellen.“ Aischas Vater verließ weinend das Zimmer.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass Israels Soldaten an den Straßensperren nach Aussage eines Militärsprechers den eindeutigen Befehl haben, kranke Personen, Schwangere und Ambulanzfahrzeuge passieren zu lassen. Allzu viele aber scheinen von diesem Befehl noch nie gehört zu haben oder sie ignorieren ihn einfach. So ist Aischas Fall nur einer von vielen.

Selbstverständlich hat Israel das Recht und die Pflicht, seine Bürger, ob Soldaten oder Zivilisten, vor palästinensischen Selbstmordattentätern und anderen Angriffen zu schützen. Aber die Straßensperren, von denen hier die Rede ist, liegen tief im Westjordanland. Aus palästinensischer Sicht dienen sie hauptsächlich dem Schutz der israelischen Siedlungen und der Umgehungsstraßen, die für jene 200 000 Siedler angelegt wurden, die sich im Westjordanland festgesetzt haben. Und in Kibja sind die Menschen an Tragödien gewöhnt.

Guerillaüberfälle aus Jordanien

Die schlimmste Tragödie war ein israelisches Massaker im Jahre 1953. Damals wurde die israelische Zivilbevölkerung regelmäßig von Guerillaüberfällen aus dem Westjordanland heimgesucht, das noch zu Jordanien gehörte. Nach der Ermordung einer Mutter und ihrer beiden Kinder in Yehud nahe bei Tel Aviv wurde die für ihre Härte gefürchtete „Einheit 101“ zu einer Vergeltungsaktion nach Kibja geschickt. Als dann aber bekannt wurde, dass dabei 45 Häuser in die Luft gesprengt und mindestens 69 Einwohner, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, getötet worden waren, fanden die israelische Öffentlichkeit und die Regierung, dass ihre Soldaten zu weit gegangen seien. Der Kommandeur jener Einheit übrigens hieß: Ariel Scharon.

Cordelia Edvardson lebt als Schriftstellerin („Gebranntes Kind sucht das Feuer“) und Journalistin in Jerusalem. Übersetzung aus dem Schwedischen von Matthias Fienbork.

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