Kultur : Grenzer und Gestalter

„Beyond the Wall“: Im Literarischen Colloquium Berlin treffen sich Schriftsteller aus aller Welt

Andreas Schäfer

Schon seit gut zwei Stunden versuchen zwanzig renommierte Schriftsteller aus aller Welt so brillant wie möglich das Unmögliche: ihre Berlin-Erfahrung auf den Punkt zu bringen. Für den Schweden Lars Gustafsson ist Berlin vor allem „groß, groß, groß“. Dzevad Karahasan aus Bosnien präzisiert: „In Berlin beginnt Sibirien, weil man hier versucht, den Raum zu ignorieren.“ Für die griechische Autorin Amanda Michalopoulou ist Berlin dagegen eine „unsentimentale Stadt der Emotion“. Die aus Rumänien stammende und seit langem hier lebende Carmen-Francesca Banciu schätzt, dass man in Berlin „Fehler machen kann“, während der Schweizer Christoph Geiser, als er Anfang der 80er Jahre als Gast des DAAD nach Berlin kam, sich „frei und verwirrt“ zugleich fühlte, weil ihm augenblicklich „die Schweiz als Thema abhandengekommen war“.

Für die Französin Cécile Wajsbrot war Berlin dagegen bis zum Mauerfall noch „die Hauptstadt des Dritten Reiches“. Genau diese Anwesenheit von Geschichte ist für Thomas Lehr bezeichnend für das „Laboratorium Berlin“ während der Mauerzeit. „Berlin war irreal und real zugleich. Irreal durch sein abgeschottetes Inseldasein, real, weil die Spuren der Vergangenheit so stark waren. Man konnte hier frei werden durch Verortung in der Geschichte.“ Alle sind sich also – ungefähr – darüber einig, dass Berlin etwas Paradoxes, Hochkomplexes, aber irgendwie auch Wunderbares anhaftet.

Dann wird Kevin Vennemann das Wort erteilt. Vennemann kommt aus Dorsten (Westfalen) und hat zwei hochgelobte Bücher bei Suhrkamp veröffentlicht. Er ist so jung, nämlich dreißig, dass er das alte West-Berlin kaum kennen mag. Aber auch das neue Berlin lässt ihn kalt. Er sagt: „Ich lebe hier, weil man für wenig Geld eine große Wohnung mieten kann.“ Das ist in diesem Kontext natürlich ein Skandal, weil er Berlin jeder Bedeutsamkeit entkleidet und die Stadt nackt zeigt, als simple Zusammenballung von Straßen, Häusern und Menschen, ohne Geist und ohne Geschichte.

In der Stille, die folgt, zeigt sich im Literarischen Colloquium am Wannsee für einen erschreckenden Moment das Gespenst einer Berliner Zukunft. Das monströse Bild eines Unortes ohne Erinnerung schwebt in der Luft. György Konrád, langjähriger Präsident der Akademie der Künste und Initiator dieser Veranstaltung, hält das Unbehagliche dieser Vorstellung kaum aus und erzählt sofort, wie er als Fünfjähriger in Ungarn Adolf Hitler im Radio von der Vernichtung der Juden sprechen hörte.

„Wir sind an viele Grenzen gestoßen“, wird der Moderator Hans Christoph Buch am Ende der „Internationalen Literaturkonferenz“ sagen, die das LCB zusammen mit der Stiftung Brandenburger Tor und dem DAAD als Begleitprogramm zur Ausstellung „Beyond the Wall“ ausgerichtet hat. Doch kein Zusammenstoß verriet so viel über Berlin wie dieser kleine Clash der Generationen.

Péter Nádas, Paul Nizon, Joao Ubaldo Ribeiro, Juri Andruchowytsch, Sibylle Lewitscharoff und viele andere – die Teilnehmerschaft der Konferenz ist erlesen und der Anspruch hoch gesteckt. Gleich am Anfang zeigt Thomas Geiger vom LCB auf ein Foto an der Wand, auf dem sich am selben Ort Mitglieder der Gruppe 47 die Köpfe heißredeten, und Buch weist darauf hin, dass man mit diesem Treffen an die legendäre Konferenz „Ein Traum von Europa“ aus dem Jahr 1988 anknüpfe, bei der immerhin der Fall der Mauer vorweggenommen wurde. Aber die Mauer steht nicht mehr. Besser gesagt, sie hat sich, wie Ales Steger aus Slowenien meint, verschoben, zum Rand von Europa hin, oder ist gleich, wie der im Londoner Exil lebende Chinese Yang Lian es sieht, in unser Inneres gewandert. Auf jeden Fall haben sich die alten Dichotomien des Kalten Krieges aufgelöst.

Im Herbst 2007 zumindest sind am Wannsee alle sehr freundlich zueinander, wahrscheinlich auch, weil sie nicht ganz genau wissen, wovon eigentlich die Rede sein soll. Die drei Gesprächsrunden zu den Themen Berlin, Europa und der Rolle des Schriftstellers sind zwar streckenweise interessant – besonders, wenn Dzevad Karahasan über das Verschwinden der Gestaltungsmöglickeit von Zeit philosophiert, die Augen aufgerissen, als würde er direkt aus dem Raum der Katastrophe heraus sprechen. Es mangelt ihnen aber an einer konkreten Fragestellung. Allgemein gilt, was Aris Fioretos, Schwede mit österreichisch-griechischer Herkunft, sagt: „Ich bin kein Intellektueller, sondern Gestalter.“ Soll heißen: Ich will über Kunst sprechen und nicht über Europa, das „ohnehin immer viel größer ist als man denkt“ (Andruchowytsch).

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