„Grenzgänger der Künste“ im Literaturhaus : Die Kunst zu sehen

Julius Meier-Graefe war einer der letzten deutschsprachigen Kunstschriftsteller. Ein Connaisseur, der um 1900 bestimmte, wie Kunst zu sehen war. Das Literaturhaus Berlin widmet ihm eine Ausstellung.

Der Präzeptor. Julius Meier-Graefe im Portrait von Lovis Corinth (1912, heute in Paris im Musée d’Orsay).
Der Präzeptor. Julius Meier-Graefe im Portrait von Lovis Corinth (1912, heute in Paris im Musée d’Orsay).Foto: Alamy Stock Photo

Vor einiger Zeit hielt Florian Illies, der den Kulturkonservativismus in zeitgenössischer Form verkörpert, in der Französischen Botschaft einen Vortrag über Julius Meier-Graefe. Darin behauptete er, während des Studiums „immer, wenn mir der Kopf brummte“, zu „einem der kleinen Insel-Taschenbücher über Manet, Courbet, Delacroix oder zur ,Entwicklungsgeschichte’, die Meier-Graefe verfasst hatte“, gegriffen zu haben, „und war nach ein, zwei Worten in seinem Bann“.

Das mag man glauben oder nicht – zutreffend ist zumindest, dass Julius Meier-Graefe zu den Zeiten, da Illies studierte, und auch schon zuvor einige Jahrzehnte lang verpönt war. Mehr vergessen als verpönt. Einige Dezennien nach dem Durchbruch einer kritischen Kunstwissenschaft, für die Namen wie Klaus Herding oder Martin Warnke stehen mögen, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, Kunst mit der kennerischen Attitüde zu genießen, die Meier-Graefe so vollendet in Worte zu kleiden wusste.

Die Ausstellung leidet am Mangel an originalen Gemälden

Er war ein Kunstschriftsteller; ein Beruf oder eher eine Berufung, die es heute ohnehin nicht mehr gibt, die aber schon mit seinem Tod im schweizerischen Vevey 1935 ausgestorben war. Meier- Graefe, 1867 im ungarischen Teil der Doppelmonarchie geboren und nach allerlei ohne großen Ernst betriebenen Studien zur Kunst gelangt, hat als Schriftsteller eine beeindruckende Fülle von Büchern geschrieben, nicht nur zur Kunst, sondern auch Romane und Reisebilder. In der Kaiserzeit war er ab Mitte der 1890er Jahre eine vernehmbare Stimme, er war, um es altertümlich zu sagen: geschmacksbildend. Seinen Lesern im deutschen Bildungsbürgertum brachte er die französische Moderne nahe, dazu die seinerzeit noch kaum bekannte Malerei El Grecos; später entfachte er einen regelrechten Kult um den von ihm vergötterten Hans von Marées, dem er ein gleich dreibändiges Werk widmete. Drei Bände umfasst auch seine „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“, mit der er 1904 einen „Kanon“ aufrichtete, an dem sich Generationen von Museumsleitern sei’s orientierten oder abarbeiteten.

Das Literaturhaus in der Fasanenstraße widmet Meier-Graefe nun die Ausstellung „Grenzgänger der Künste“, die als Versuch historischer Gerechtigkeit zu begrüßen ist, jedoch im unvermeidlichen Mangel an physischer Substanz ein Trauerspiel bleibt. Denn welches Museum würde die kostbaren Bilder ausleihen, die Meier- Graefe besprach! Für dessen literarischen Zugang zur Kunst muss eine Diaprojektion herhalten, die Schlüsselwerke der Moderne zeigt, von Manet oder van Gogh, und dazu die entsprechenden Stellen aus seinen Büchern zu Gehör bringt.

Er berichtete von der Pariser Weltausstellung

Meier-Graefe beschreibt die Bilder, nicht so sehr deren Sujets, die ihm nur Anlass sind, sondern die Malerei als solche, den Umgang mit der Farbe, ihre Töne, Harmonien und Kontraste. Er schmiegt sich der Malerei gewissermaßen an. Ansonsten gibt es ein paar der insgesamt 47 Mappenwerke zu sehen, die Meier-Graefe nach dem Ersten Weltkrieg bis gegen Ende der Zwanziger Jahre publizierte, und die die Kunst, die man damals noch nicht überall in Farbabbildungen haben konnte, in großformatigen Reproduktionen ins gehobene Heim brachten; finanziell für ihn selbst wohl eher ein Desaster. Und dann liegen etliche Bücher aus, und im Flur des Literaturhauses, das ja selbst einst ein großbürgerliches Heim war, hängen Reproduktionen der wichtigsten Portraits, die Künstler wie Eugen Spiro oder Lovis Corinth von ihm fertigten, das letzte aus dem Todesjahr 1935 von Leo von König, der wie der Dargestellte selbst eine da schon vergangenen Epoche repräsentierte.

Nein, in der Ausstellung lässt sich nicht begreifen, welche Wirkung Meier-Graefe einst ausübte. Das ist vielmehr nachzulesen in dem umfangreichen Buch, das jüngst im Deutschen Kunstverlag erschienen ist und der Ausstellung als Begleitband dient. So berichtete Meier- Graefe, der Frankophile, 1900 von der Pariser Weltausstellung. Sieht man dann Abbildungen mit dem ganzen Beaux-Arts-Kitsch der Ausstellungsarchitektur, wird die Modernität Meier-Graefes, die ihn zu Kaisers Zeiten zum Speerträger gegen die Offizialkultur machte, erahnbar. Merkwürdig nur, dass die Abbildungen des Buches in ihrem grau-nebligen Grundton offenbar der Qualität angenähert sind, die zu Meier-Graefes Zeiten technisch möglich war.

Die Ausstellung kann nur ein erster Versuch der Annäherung sein

Was Meier-Graefe als Moderne sah, deckt sich längst nicht mehr mit unserer heutigen Vorstellung. Marées beispielsweise ist mit seinem deutsch-römischen Idealismus das glatte Gegenteil. Und wenn Meier-Graefe über den Impressionismus schreibt, dann stellt er neben Manet und Van Gogh – die man mit viel gutem Willen als Anfang und Ende des Impressionismus bezeichnen kann – den vergessenen Constantin Guys heraus.

Das begreift nur, wer Charles Baudelaires ursprünglich als Zeitungsartikel verfassten Essay „Le peintre de la vie moderne“ von 1863 kennt und weiß, dass Baudelaire eben diesen Guys gemeint hat und nicht etwa seinen weit bedeutenderen Zeitgenossen Manet. Und damit wird auch deutlich, wen – neben anderen – Meier-Graefe als Vorbild ansah, als Rollenmodell; eben den Freigeist Baudelaire, der als Kunstkritiker die von ihm favorisierte Kunst „machte“.

So hat Meier-Graefe ein halbes Jahrhundert später auch Kunst „gemacht“, mit Büchern, Mappenwerken, mit der von ihm mitbegründeten Zeitschrift „Pan“. Die Ausstellung im Literaturhaus kann nur ein erster, bescheidener Versuch der Annäherung sein.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, bis 16. Juli. Mi–Fr 14–19 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr. www.literaturhaus-berlin.de – Ingeborg Becker, Stephanie Marchal (Hrsg.): Julius Meier-Graefe. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017. 344 S. mit zahlr. Abb., 39,90 €.

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