Griechenland und die Europäische Union : Zusammen getrennt

Lässt sich Griechenland von Europa trennen, mit einem sauberen chirurgischen Schnitt? Wer überlebt? Eine griechische Geschichte über eine schwierige Verbindung.

Vassilis Amanatidis
Das Werk "Men discussing tomorrows future" (2015) von Rebecca Raue. Foto: courtesy Galerie Michael Schultz, Berlin
Dunkle Wolken über der Akropolis. Das Werk " Men discussing tomorrows future" (2015) von Rebecca Raue.Foto: courtesy Galerie Michael Schultz, Berlin

Ich hatte damals gesagt, jetzt ist Schluss mit dem Zerschneiden und den Operationen. Aber jetzt gibt es zwei junge siamesische Zwillinge. Am Hinterkopf zusammengewachsen. Sie haben sich noch nie richtig sehen können, nur mit verstohlenen Blicken in doppelte Spiegel. Heute werden sie zwölf. Ich mag nur den einen von beiden. Beim anderen tue ich so, als würde ich ihn nicht kennen.

Wenn ich ins Zimmer komme, spreche ich nie mit ihm, diesem anderen. Das ist keine Sünde. Er mag keine Vögel, er verschließt die Ohren vor ihrem Gesang. Gezwitscher und andere Vogellaute. Meiner ist anders. Zum Geburtstag habe ich für ihn Vögel aufgenommen und komme nun mit meinem kleinen iPod zu ihm. Gezwitscher von vielen Vogelarten. Am schönsten ist das von den Wellensittichen, nicht von den Nachtigallen. Besonders von einer Sorte mit grünem Körper, schwarzgelben Flügeln und gelbem Kopf. Mit einem hellblauen Streifen auf dem kleinen Schnabel. Der blaue Streifen bedeutet, dass es Männchen sind. Eine so unbegreifliche Schönheit im Zwitschern: Wenn man sie hört, glaubt man, die Stimme setzt sich über dem kleinen Körper in Brand.

Das Zwitschern ergießt sich im Zimmer der Zwillinge

Als ich ins Zimmer trete und das kleine Gerät mit den Vogellauten aus der Tasche ziehe, ruckelt mein Zwilling vor Ungeduld mit den Ohren. Er wartet schon darauf, alles zu hören. Ich schließe zwei sehr kleine Lautsprecher an das Gerät an, mit hohem Schallpegel. Dann drücke ich auf den Knopf und lasse das Gezwitscher in die Atmosphäre des Zimmers fluten. Ich habe sämtliche Tiergeschäfte abgeklappert, die ich finden konnte. Ich tat so, als wollte ich einen Käfig kaufen. Der eine passte mir nicht, der andere roch mir zu schlecht. Ein schwieriger, ein ganz schwieriger Kunde. Dabei machte ich heimlich Tonaufnahmen von den eingefangenen Wellensittichen – das kleine Gerät in der Tasche, so genau, das reinste Wunderwerk. Danach schloss ich mich wochenlang zu Hause ein. Ich montierte die Tonaufnahmen.

Jetzt ergießt sich das Zwitschern ins Zimmer der siamesischen Zwillinge. Man meint, freigelassene Vögel füllten den Raum. In einem exotischen Wald, fünf mal fünf. Der unsichtbar ist. „Hörst du’s?“, wende ich mich an meinen Lieblingszwilling. „Wie du es dir gewünscht hast. Hör dir die wohltönenden kleinen Stimmen an. So werden die Paradiesvögel in der Hölle zwitschern.“ Der andere hinter ihm verzieht das Gesicht und hält sich die Ohren zu. „Nein“, sagt er, „nein ...“ Er versucht die Vogellaute zu übertönen. „Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein …“

Hintendran: der schlimme Kopf des anderen

Aber seine grässlichen Schreie können das exquisite Gezwitscher nicht übertönen. Sie vereinigen sich mit den Vogellauten, ziehen sich in den Hintergrund zurück, ordnen sich ihnen unter, schwinden, sind besiegt. Als sich mein Lieblingszwilling ein wenig umwendet, um mich anzusehen, hat er Tränen in den Augen. Er kann den Kopf nicht sehr weit drehen. Der schlimme Kopf des anderen ist hintendran, er behindert ihn. Ich frage ihn, warum er weint, und er sagt: „Ich bin glücklich. Heute haben uns so viele Vögel besucht, mich und meinen Bruder, also bin ich glücklich.“

Er hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da streckt der andere mit einem Keuchen von hinten ungebeten die Hand aus und stellt blitzschnell das Gerät ab. Und die Vögel brechen jählings mittendrin ab. Wie von tausend unhörbaren Karabinern. Als hätten tausend unhörbare Karabiner das Feuer eröffnet und sie mit einem Streich niedergemäht.

„Wieso hast du das jetzt getan?“, frage ich. „Was meinst du, was hast du damit erreicht? Meinst du, du bist jemand? Wenn ich auf den Knopf drücke, werden alle wieder lebendig. Da, schau“, und ich drücke auf den Knopf, und wieder fluten die Vögel ins Zimmer. Nun drehe ich mich um und sehe meinen Lieblingszwilling an. Er lächelt, hört zu und ist glücklich. Acht Stunden ununterbrochenes Zwitschern erwarten meinen lieben Zwilling. Der andere, der von hinten angewachsen ist, verzieht das Gesicht. Er keucht, schließt die Augen. „Nein“, sagt er. Er streckt die Hand schräg nach hinten und fasst liebevoll nach der Hand seines Bruders.

Meinen guten siamesischen Zwilling mag ich deshalb so sehr, weil er derjenige ist, der überleben wird, wenn ich sie trenne. Ich bin ihr Chirurg.

Vassilis Amanatidis, geboren 1970, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Griechenland. Er hat mehrere Bände mit Erzählungen und Gedichten veröffentlicht und Theaterstücke geschrieben. Den Text über die siamesischen Zwillinge hat er Anfang Juni bei einem griechisch-deutschen Autorentreffen in Thessaloniki vorgetragen, das vom Literarischen Colloquium Berlin und der Allianz Kulturstiftung organisiert wurde. Birgit Hildebrandt übersetzte den Text aus dem Griechischen.

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