Griechischer Alltag (11): An der Grenze : Zyklus der Idiotie

Immer mehr Flüchtlinge landen auf den griechischen Inseln im Mittelmeer. Von dort aus kommen sie nach Athen, wo Bürokratie und Untätigkeit der griechischen Regierung warten.

Amanda Michalopoulou
Flüchtlinge auf Kos
Flüchtlinge auf KosFoto: dpa

Vor Kurzem hat das Kreuzfahrtschiff „Aegean Paradise“ östlich von Chios ein Rettungsschiff der griechischen Küstenwache gerammt, das illegale Migranten an Bord hatte. Hätte man es in einem Roman gelesen, wäre es einem wohl etwas dick aufgetragen erschienen: Der Zusammenprall der zwei Welten – ägäisches Sommerparadies der Touristen und Hölle der Migranten – wirkt wie plumpe Fiktion. Aber bekanntlich übertrifft das Leben nicht selten die Fantasie an Dramatik und Symbolik. Und es ist ja auch wirklich so: Nur ein kleines Stück von den Stränden mit ihren Sonnenschirmen und Cocktails entfernt werden in den letzten Wochen ständig syrische Familien aus morschen Kähnen an Land gespült.

Der Unfall ereignete sich an der Küste einer der griechischen Inseln, die das größte Problem mit der Migration hat. Im Dodekanes ist beim Eintreffen von Flüchtlingen insgesamt eine Zunahme von 1420 Prozent zu verzeichnen, und dabei ist bereits die 300-prozentige Zunahme in ganz Griechenland während der letzten sechs Monate explosiv, wenn man es mit dem entsprechenden Zeitraum des letzten Jahres vergleicht. Im Durchschnitt kommen täglich 1200 Migranten von den ägäischen Inseln nach Athen. Die Statistik ist deprimierend: Nach Information des UNHCR sind mehr als 200 000 Migranten und Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa gelangt.

Bürokratische Hindernisse und Untätigkeit

Hier treffen sie auf ein extrem griechisches und ein europäisches Problem. Das griechische Problem sind die bürokratischen Hindernisse. Griechenland ist nicht in der Lage, Budgets der Europäischen Union abzuschöpfen, weil die Gründung des Amtes zur Durchführung europäischer Asyl-, Aufnahme- und Integrationsprogramme aussteht, die dazu erforderlich wäre. Die Linke begegnet dem Migrationsproblem mit tiefem Unbehagen und ideologischer Verhärtung. Sie verwechselt den ständigen Aufschub einer Lösung mit humanistischem Interesse. Aus diesem Grund lagerten in der Mitte Athens, im Park Pedion tou Areos, wochenlang afghanische Flüchtlinge, die eben erst an einen geeigneten Ort gebracht worden sind – nach Eleonas. Als Gegenargument führt das Ministerium für Migrationspolitik die Tatsache an, dass auch in Deutschland die Flüchtlinge in Zelten in Parks lebten. Nur eben mit dem Unterschied, dass das nicht so ohne Weiteres passiert. Sie werden von den Behörden auf organisierte Areale verteilt, sie schlagen nicht einfach eines schönen Tages im Volkspark in Friedrichshain ihre Zelte auf.

Das europäische Problem ist vergleichbar: tiefes Unbehagen und Untätigkeit. Europa sieht dabei zu, wie Flüchtlinge in den Mittelmeerraum gelangen, und konferiert über die Geldverteilung der kommenden zwanzig Jahre. Das ist keine Politik. Álvaro Mutis hat das sehr schön darlegt in seinen Auslassungen generell über die Exzesse der Bürokratie. Der Schriftsteller beschreibt die Vorgänge als einen „Bericht, der den denkwürdigen Vorzug besitzt, in einem Schwall von Worten überhaupt nichts Bemerkenswertes zu sagen, in Worten, die dann in den Außenministerien dahinschlummern bis zu dem Tag, an dem sie andere, ebenso talentierte Lobhudler ausgraben, die erneut den Zyklus dieser Idiotie in Gang setzen, die es ihnen gestattet, ihr Gehalt ohne Gewissensbisse zu genießen und die finstere Großtat zu vollbringen, die man als Karriere bezeichnet.“

Die Forderung nach einer gerechten Verteilung der Migranten per Quote bleibt auf dem Papier stehen. Zudem sind die einzigen befürworteten Lösungen militärischer Natur. Aber ein militärisches Eingreifen gegen die Arbeitsmigranten stellt nur einen Teil eines komplexen europäischen Problems dar, das einen organisatorischen und gesetzlichen Rahmen braucht und darüber hinaus Flexibilität. Europa muss seine humanistischen Ideale auf den Prüfstand stellen, aber auch die Politik der Effizienz. Und es darf nicht mehr nur in Begriffen nationaler Grenzen denken und muss mit klarem Blick wahrnehmen, wo seine südlichen Grenzen liegen.

Amanda Michalopoulou, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. – Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.

Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. Die letzten Folgen waren Inseln lieben kann doch jeder!, Olivenöl läuft besser und Wanderer, kommst du nach Donoussa.

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