Griechischer Alltag (8): Krisen-Literatur : Olivenöl läuft besser

Man müsste meinen, dass infolge der Krise das Interesse an griechischer Literatur zunimmt. Doch als nationale Exportware ist sie nicht so verlockend wie Feta oder Olivenöl.

Amanda Michalopoulou
Eine Frau mit Oliven.
Oliven ziehen als Exportwaren - griechische Literatur dagegen nicht so sehr.Foto: dpa

Es ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in Hotels, die Bücher zu durchforsten, die die Gäste am Ende des Urlaubs zurückgelassen haben. Überall finde ich schwedische Krimis, amerikanische und deutsche Pulp Fiction mit zerfleddertem Umschlag und knirschenden Sandkörnern zwischen den Seiten. Die Nationen, die in den Ferien am meisten lesen? Oder eine Statistik über die dominanten Sprachen in der Weltliteratur? In diesen temporären Bibliotheken, die sich aus den Urlaubshinterlassenschaften ergeben, bin ich noch nie auf eine Übersetzung griechischer Literatur gestoßen.

Der Grund dafür ist, dass es nicht gerade viele übersetzte griechische Bücher gibt. Eigentlich könnte man erwarten, dass infolge der Krise das Interesse an griechischer Literatur zunimmt. Zumindest war das während der Diktatur der Fall. Ein großer Umsturz, eine Tragödie weckt in schwierigen Zeiten immer den Wunsch nach Geschichten. Literatur belehrt nicht und überzeugt nicht; sie ist ein Raum, in dem man das sonst übliche Misstrauen aufgibt. Als Leser lernt man mitzuleiden. Die neue Sensibilität gegenüber dem Ungewohnten überträgt sich dann auf die Realität. So etwa vollzieht sich Bildung durch Literatur.

Man kann die Bücher, die in letzter Zeit ins Deutsche übersetzt wurden, an einer Hand abzählen: „Warte nur, es passiert schon was“ von Christos Ikonomou gehört dazu, auch eine Neuausgabe von Nikos Dimous „Das Unglück, ein Grieche zu sein“.

Interessiert sich niemand für griechische Gegenwartsliteratur?

Ikonomous Buch ist eine eindrucksvolle Sammlung von Erzählungen, ein Streifzug durch die Arbeiterviertel und ein Einblick in die Träume verzweifelter Menschen. Bei Dimous Buch handelt es sich um eine essayistische Analyse des Griechentums, geschrieben von einem Autor, der andere und sich selbst sarkastisch aufs Korn nimmt. Mit Petros Markaris, unserem nationalen Star der Krimiliteratur, schließt sich der Kreis der in Deutschland wahrgenommenen griechischen Autoren auch schon mehr oder weniger.

Die Kluft lässt sich in ganz Europa beobachten: Von der altgriechischen Literatur geht es unmittelbar zur Lyrik von Seferis, Ritsos, Elytis und zu Kazantzakis und von dort mit einem gewaltigen Sprung ins Nichts. Stößt die gegenwärtige griechische Literatur auf so wenig Interesse? Oder ist sie als nationale Exportware möglicherweise nicht so verlockend wie unser Olivenöl und unser Feta?

Souvlaki, Sirtaki, Sonnenuntergänge: Der griechischen Literatur begegnet man mit den gleichen Stereotypen wie dem Land selbst. Von den Autoren erwartet der mitteleuropäische Leser eigentlich auch einen aktuellen Sorbas, der mit dem Komboloi in der Hand seine Tanzschritte macht. Und er ist enttäuscht oder gerät irgendwie in Verlegenheit, wenn ein Roman nicht „griechisch“ genug ist.

Verleger suchen nach Büchern, die sich mit der Krise befassen

Die Krise führt nun nicht etwa zu mehr übersetzten Büchern, sondern dazu, dass sich das Interesse auf die griechische Verzweiflung konzentriert. Die ausländischen Verleger suchen nach Literatur, die sich mit der Krise beschäftigt. Aber können solche Bücher inmitten der Krise überhaupt geschrieben werden? Kann ein politisches, soziales und wirtschaftliches Verhängnis mit derart unvorhersehbaren Folgen eine Literatur hervorbringen, die mehr oder anders ist als ein journalistischer Text?

Über Liebe und Krieg kann man nicht schreiben, solange man darunter leidet. Das Unheil muss sich erst legen, bevor der Horizont sich weitet und ein Blick möglich wird, der die menschliche Natur umfasst. Bis dahin könnte man der griechischen Literatur ja wenigstens mit Neugier und tendenziellem Verständnis begegnen. Sogar die Mitarbeiter der EZB oder des IWF könnten die griechische Wesensart besser begreifen, wenn sie neben den Wirtschaftsstudien auch mal eine Erzählung läsen.

Unsere Autorin, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. In diesem Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.

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