Kultur : Grillplätze

Im Tiergarten, wo alte Standbilder über - So vergeht der Glanz der Welt - Ewiges und Historisches sinnieren, wo der Empfindsame das Gras wachsen hört und Berlins Türken-Community am Wochenende den Grill anwirft: Dort, zwischen Reichstag und Schloss Bellevue nahe der Spree, befindet sich unter anderem der Arbeitsplatz von Gerhard Fritz Kurt Schröder. Noch ist der Tiergarten ein idyllisches Stück Berlin, gleichwohl wird G. F. K. Schröder sich daselbst keine idyllische Currywurst braten; wegen seiner Stellung. Nach der Volksschule hatte er bei einem Eisenwarenhändler die Lehre absolviert, war am Bau tätig und als kaufmännischer Angestellter, holte das Abitur im Westfalen-Kolleg nach, studierte Jura, wirkte als Anwalt. Gilt also eher als normaler Typ, ist derzeit jedoch als Kanzler beschäftigt. Beeindruckt sein Publikum gern durch die Fähigkeit, politisches Handwerk auf Darstellungskunst zu reduzieren und in Unterhaltungsformate zu überführen. Was freilich nicht heißen soll, dass G. F. K. Schröder ohne weiteres im Tipi auftreten könnte.

Im Tiergarten, zwischen Kanzleramt und Haus der Kulturen der Welt (HKW), eröffnet nächste Woche ein Festzelt für das Jubiläumsjahr der Wilmersdorfer Bar jeder Vernunft: das Tipi. Dann sollen jede Nacht 500 Gäste im Tiergarten-Idyll den Kleinkunst-Glamour suchen. Zum Anlocken setzen die Tipi-Macher nicht etwa auf autodidaktische Show-Promis oder riskante Revue-Experimente, sondern auf erfahrene Zugpferde. Auf Götz Alsmann, der als Musikwissenschaftler über die US-Plattenindustrie promovierte und sich als Moderator jahrelang eine Showkarriere aufgebaut hat. Auf Gayle Tufts, die - in Brockton, Massachusetts geboren - ihre Schauspielausbildung an der NY University erhielt. Auf Georgette Dee, die in Bergen bei Celle als Sohn eines Drogisten und einer Gärtnerin zur Welt kam, Krankenpflege lernte und dann zur Bühne ging. Erregende Viten? Dees echter Name bleibt geheim, soviel Selbststilisierung muss sein; ansonsten weisen sich die Tipi-Entertainer vor allem aus durch handfeste Professionalität. Aber für das HKW wäre das zu wenig.

Im HKW, der Kongresshalle zwischen Tipi und Großer Stern, beginnt heute das 15-tägige "In Transit"-Festival. Auffälliger als der logistische Kraftakt (150 Künstler, 22 Nationen, 50 Veranstaltungen) ist an diesem Aufmarsch das radikal personalisierte Werbekonzept: Jeden Performance-Künstler, der vorab herausgestellt wird, zeichnen spektakuläre Lebenswege aus. Der südafrikanische Todesdelinquent, 15 Stunden vor der Vollstreckung begnadigt: hereinspaziert! Und weitere Spezial-Exemplare aus dem globalen Panoptikum. "Ihre Biografien sind der Stoff für hochpolitische Stücke, für Produktionen an den Bruchstellen von bedeutenden Traditionen und weltweiten Modernisierungsprozessen", interpretieren die Veranstalter den eigenen Versuch, dramatische Künstler-Viten, sic transit gloria mundi, auf dem Grill der öffentlichen Aufmerksamkeit zu verbraten - und auf diese Weise das eigene Unternehmen populär zu legitimieren. "Kulturelle Kontexte sind nicht von Körperbildern oder der Präsenz des Individuums zu trennen." So hochgestochen ist "Boulevard" noch nie formuliert worden. Hat da irgendjemand was gegen Boulevard? Vielleicht kommt am Ende gar glänzende Großkunst heraus. Das HKW jedoch nennt sein Programm "Die neuen Bühnen des Politischen".

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