Grizzly Bear : Die Sonne in deinen Augen

Luftgeisterpop: Wie die New Yorker Band Grizzly Bear auf ihrem neuen Album "Shields" den Folk vor den Hipstern rettet.

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Großstadtkreaturen. Grizzly Bear klingen nach Idaho, leben aber in Brooklyn.
Großstadtkreaturen. Grizzly Bear klingen nach Idaho, leben aber in Brooklyn.Foto: Warp

Früher war die amerikanische Rockszene übersichtlich: Wer aus den Weiten der Provinz kam, machte Landeiermusik. Bands aus New York, Chicago oder Los Angeles spielten Soundtracks für die urbane Hipsteria. Doch seit ungefähr zehn Jahren befinden wir uns in einer Ära, die manchmal als „Age of Indie“ oder „Folk Revival Period“ bezeichnet wird. Und seitdem herrscht Durcheinander. Denn etlichen Protagonisten dieser neuen Krautigkeit kann man ihre Herkunft nicht mehr anhören.

Grizzly Bear etwa tragen nicht nur einen Namen, der naturnahe Assoziationen weckt, sie klangen auch wie eine dieser Neo-Holzfällerhemdenbands aus dünn besiedelten Bundesstaaten wie Montana oder Idaho. Vor allem auf ihrem zweiten Album „Yellow House“ (2006) ergötzte sich die ironischerweise von dem Sheffielder Elektronik-Label Warp unter Vertrag genommene Band an ruralen Klangfarben und hymnischen Folk-Koloraturen, die man unbesehen einem Kollektiv vollbärtiger Zivilisationsflüchtlinge zugeordnet hätte. Doch auf den Bandfotos sah man stattdessen vier bartlose Twentysomethings mit metrosexuellen Wuschelhaarschnitten, Loafers und engen Hosen, die dem Typus jener jungen Männer entsprachen, die bald von amerikanischen Großstädten aus nach Berlin ausschwärmen sollten. Tatsächlich stammen Grizzly Bear aus Brooklyn, dem Hipsterreservat des frühen 21. Jahrhunderts.

Gegründet 2004 von den Collegekumpels Ed Droste und Christopher Bear, durch Chris Taylor und Daniel Rossen zum Quartett ergänzt, brauchten Grizzly Bear eine Weile, ehe sie die Komplexität ihres Psychedelic-Folk live adäquat umsetzen konnten. Zum Erscheinen des dritten Albums waren Bühnenperformance und Studiovirtuosität deckungsgleich. Gerade rechtzeitig, denn „Veckatimest“ (2009) startete nicht zuletzt dank der Verwendung der Single „Two Weeks“ in TV-Serien und Werbespots kommerziell durch. Die Band machte die übliche Ochsentour als Anheizer für einen Big Act –in diesem Fall Radiohead – und gastierte in den landesweit ausgestrahlten Talkshows von Letterman und anderen. Euphorische Rezensionen und massive, allein in den USA eine halbe Million Alben zählende Verkäufe, viel mehr kann man als Indieband nicht erreichen. Wenn es die alte Hierarchie zwischen Indie und Major Labels noch geben würde, hätten Grizzly Bear für den nächsten Karriereschritt zu einem der Plattenkonzerne wechseln müssen.

Doch Grizzly Bear bleiben ihren Förderern treu: „Shields“, Album Nummer vier, erscheint am heutigen Freitag wieder bei Warp. Nach dem Ende der „Veckatimest“- Tour gönnte man sich eine Auszeit – das Aufeinanderhocken während kräftezehrender Reisen hat schon manche Band zerschlissen. Rossen und Taylor nutzten die Zeit für Soloprojekte, Ed Droste heiratete seinen Freund. Die Idee, Grizzly Bear in einer Laborsituation zu reaktivieren, war ein Flop. Als sich die vier Ende 2011 in einer aufgelassenen Kaserne in Texas trafen, stockte der kreative Fluss. Erst in vertrauter Umgebung in ihrem Proberaum in New York und einem Studio in New England nahmen die Aufnahmen Gestalt an. Entscheidend für das Gelingen der Platte war, dass die Hauptsongschreiber Droste und Taylor etwas beiseitetraten und den anderen ermöglichten, die Stücke sukzessive zu überarbeiten.

Vielleicht wurde dadurch „Shields“ zu einem homogeneren Ganzen als die bisherigen Alben, die eher Sammlungen lose zusammenhängender Vignetten waren. Homogen bedeutet bei Grizzly Bear aber nicht, dass auch nur einer der zehn Songs wie der andere klingt: Die Menge an instrumentalen und melodischen Optionen, die subtil changierenden Tempi und die Vielschichtigkeit der Arrangements sind nach wie vor verblüffend.

Vielmehr ist in dem angedunkelten, erdigeren Klangbild der Wille zu einem Trademark-Sound zu erkennen, der den multiperspektivischen Luftgeisterpop von „Veckatimest“ konterkariert. Natürlich könnte man dahinter einen Masterplan vermuten, jetzt die Ernte einzufahren. Doch noch sind Grizzly Bear keine Corporate-Rock-Band. Und trotz stilistischer Analogien führen Vergleiche mit Radiohead oder gar Coldplay in die Irre. Schon die Singles „Sleeping Ute“ und „Yet Again“ sind zugleich unwiderstehliche Hits und von schwebender Melancholie aufgeladene Miniaturen – eine Melancholie, die sich in den metaphorisch verrätselten, vom Werden und Vergehen zwischenmenschlicher Beziehungen handelnden Texten widerspiegelt.

Auffälligste Soundsignatur ist – wie auf fast allen Songs – Daniel Rossens Gitarrenspiel. Im bisherigen Bandœuvre weit davon entfernt, das Lead-Instrument zu sein, gibt Rossen nun mit mal schütteren, mal energischen Schraffuren den Ton an. Die polychromen Akkorde bei „Sleeping Ute“ durchfluten Rossens elegischen Gesang (meist singt aber Ed Droste), schwellen an zum reißenden Strom, werden eingedämmt von Bears energischen Drums und Taylors elastischem Bass.

Man müsste die Arrangements der Songs mit einem Mikroskop untersuchen, um ihren Reichtum zu erfassen. Bei „What’s Wrong“ zieht sich die alte Beach-Boys-Verehrung der Band wie ein Echo durch die Gesangssätze, später sorgen Cello, Ratsche, Gitarre, Pauke und asthmatisches Orgelschnurren für ein maritimes Schwanken, das an knarzende Deckplanken auf einem alten Seelenverkäufer gemahnt. „A Simple Answer“ wird durch einen federnden Pianogroove vorangetrieben, Rossens bratzelt mit jubilierender Sirenengitarre und erzeugt einen U2-Gedächtnismoment. Das hypnotische Getrommel in „Speak In Rounds“ ist reine perkussive Energie, darüber umgarnen sich zarte Männerstimmen.

Ihr Meisterstück heben sie sich bis zum Schluss auf: „Sun In Your Eyes“ ist die alles versöhnende Coda eines grandiosen Albums: der Brückenschlag zwischen Progrock und Kammermusik, zwischen King Crimson und späten Talk Talk. In sich zusammenstürzend, dann wie Phoenix aus der Asche auferstehend, mit Distortion Bass, Konzertflügel und zum Sterben schönen Gesangssätzen, und doch keine Sekunde bombastisch. Dafür sorgt schon die Tatsache, dass diese Weltlandschaft von einem Song nur sieben Minuten dauert. Das ist große Kunst. Erklären kann man sie nicht immer. Genießen dafür umso mehr.

„Shields“ erscheint bei Warp Records. Konzert: 31.10., Astra Berlin

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