Kultur : Grob getaktet

Philippe Bessons Roman über ziemlich beste Freunde.

Anne Cramer

Lange Sommertage an den Ufern des Mississippi, ein Ferienjob im Lebensmittelladen. Roadtrips in Pauls apfelgrünem Lincoln, Sandwiches und Kinobesuche – all das sind typisch amerikanische Erinnerungsfetzen, eine Mischung aus „Huck Finn“, „Grease“ und „Brokeback Mountain“. Die Südstaaten-Szenerie stammt aber aus der Feder des Franzosen Philippe Besson, der sich in seinem Roman „Der Verrat des Thomas Spencer“ eines zeitlosen Themas annimmt: der Männerfreundschaft.

Französische Schriftsteller scheinen sich dieser Art von Beziehung gern zu widmen. Man denke an Roland und Olivier im Rolandslied, an Michel de Montaigne und Étienne de la Boétie, an Saint Exupérys kleinen Prinzen und den Fuchs; und erst vor kurzem hat ein französischer Film mit ziemlich bester Freundschaft in die Kinos gelockt. Philippe Besson, 1967 in der westfranzösischen Charente geboren, reiht sich in diese Tradition ein. Er erzählt von zwei Jungen, Thomas und Paul, die miteinander wachsen, die gemeinsam Krisen, Beziehungen und Veränderungen erleben. Der Erzähler Thomas Spencer beichtet, berichtet und sucht mit seiner Chronik den Anfang vom Ende einer großen Freundschaft zu ergründen.

Denn die perfekte Zweisamkeit endet nicht erst, als die schöne Claire erscheint und sich beide Männer in sie verlieben. Vielmehr birgt das feinsinnig gesponnene Beziehungsgefüge von Anfang an Risse, die sich im Laufe der Erzählung subtil zu Abgründen weiten.

Allerdings ist ab dem Moment von Claires Auftauchen der weitere Verlauf der Geschichte absehbar. Der Roman entwickelt sich mit zäher Gleichmäßigkeit, unter strikter Einhaltung einer Zeitlichkeit, die an historischen Gegebenheiten festgemacht wird. Wie die Taktschläge eines Metronoms geben die gewählten Daten den Rhythmus der Handlung vor; kontinuierlich, chronologisch: Elvis’ Durchbruch, die Weltraumfahrt des Sputnik, der Bau der Berliner Mauer, Marilyn Monroes Tod, die Ermordungen von Kennedy und Martin Luther King.

Philippe Besson erstellt eine Chronik der fünfziger und sechziger Jahre, wie sie im Geschichtsbuch steht. In einem französischen Geschichtsbuch, wohlweislich. Denn bei den Schilderungen handelt es sich stets um dem europäischen Leser bekannte und (aus heutiger Geschichtsbetrachtung) als relevant gewertete Bilder, Figuren und Dokumente: eine Aneinanderreihung prominenter Schlaglichter, die auf Kosten der Glaubwürdigkeit einer als erlebt ausgegebenen Zeit realisiert wird. Es fehlen kleine, weltgeschichtlich irrelevante aber greifbare Details, die Spencer und seine Welt mit Leben füllen. Dinge, die wir nicht aus amerikanischen Filmen kennen. Besson versucht eine komplexe Freundschaftsbeziehung zu inszenieren und zugleich amerikanische Geschichte authentisch zu vermitteln. Ersteres gelingt recht ordentlich. Letzteres scheitert. Anne Cramer

Philippe Besson: Der Verrat des Thomas Spencer.

Roman. Aus dem

Französischen von

Caroline Vollmann.

dtv, München 2013,

218 Seiten, 14,90 €.

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