Kultur : Größe ist entscheidend

Edler Ekel: Der Pop-Artist James Rosenquist in Wolfsburg und Berlin

Nicola Kuhn

Auch wenn James Rosenquist heute als einer der wichtigsten Vertreter der realistischen Malerei gilt, so ist er doch immer ein Träumer gewesen. „Was mich zutiefst beschäftigt, das war die Frage, ob ich jemals etwas so Großes würde machen können wie Michelangelo? Was ich damit meine, ist, wie macht man es, von einem kleinen Jungen zu jemandem zu werden, der die Sixtinische Kapelle ausmalen kann?“ Bei seinem Blitzbesuch in der American Academy in Berlin-Wannsee am Wochenende hat er sich diese Frage gleich selbst beantwortet: mit einem Stück Kohle, mit dem ein wenige Zentimeter messender Bildentwurf metergroß auf Leinwand übertragen wird.

Eine Sixtina hat der Pionier der Pop Art zwar nicht noch einmal gemalt, aber seine Formate besitzen vergleichbare Dimensionen. Bis heute. Sein jüngstes Werk misst 5 mal 14 Meter. „Die Erschaffung der Welt“ ist darauf allerdings nicht zu sehen, dafür eine Art optischer Urknall, ein abstraktes Farbgeknäuel. Wer genau hinschaut, wird darin immer noch realistische Elemente entdecken, die Lichtreflexe einer nächtlichen Stadt, verzerrte Blütenblätter oder die sich spiegelnde Spitze einer Rakete.

Anlass für Rosenquists „Lecture“ in Berlin-Wannsee war die Eröffnung seiner 150 Werke umfassenden Retrospektive zwei Tage zuvor im Kunstmuseum Wolfsburg. Dort läßt sich genau nachvollziehen, wie ein Maler das Kunststück vollbringt, eine Idee mittels Pinsel und Farbe gigantische Wirklichkeit werden zu lassen. Erstmals präsentiert er hier seine Vorentwürfe, die sein seit fünfzig Jahren unverändertes Arbeitsprinzip verraten. Denn Rosenquist hat als Plakatmaler begonnen.

Als der Junge aus Grand Forks in North Dakota, der schon als Teenager Malkurse am Minneapolis Institute of Arts belegt und nach Schulabschluss zwei Jahre Malerei an der University of Minnesota studiert hatte, 1955 zur Art Students League nach New York kam, musste er sich erst einmal seinen Lebensunterhalt verdienen. Während der 22-Jährige zu ebener Erde noch mit den abstrakten Expressionisten liebäugelte, pinselte er auf wackeligen Gerüsten in luftiger Höhe höchst realistisch Werbung für Whisky, die Kurven der Monroe und schnelle Autos. Am Times Square und vielen anderen Orten der Stadt musste er seine Motive auf Armesabstand überlebensgroß malen, damit sie für den Passanten später noch aus mehreren Blocks Entfernung zu erkennen waren.

Das prägt. Das Close-up, die verschiedenen nebeneinander gesetzten Impressionen bilden bis heute das Aufbauprinzip seiner Kompositionen. Das 1959 entstandene Bild „Astor Victoria“ zeigt den plötzlichen Wandel des jungen Abstrakten zum realistischen Maler: Vor das ungegenständlich beige-schwarze Gekräusel drängt sich die Silhouette des Buchstaben „V“ und bereits feuerrot ausgemalt das „E“. Ein Jahr später entsteht „Zone“, eine auf den ersten Blick verwirrende Collage in Grisaille, die Rosenquist selbst als seinen Durchbruch bezeichnet. Kopf und Hände einer jungen Frau, die einer Zeitschriftenanzeige für Handcreme entnommen sind, schieben sich zackenförmig vor die Großaufnahme einer schimmerndern Tomate. Technik und Motivik der nächsten Jahre sind hierin vorgezeichnet. Die Welt der Werbung, die Objekte des Begehrens sollten in abgewandelter Form auch als seriöser Maler sein Gegenstand bleiben. Von der Plakatmalerei selbst ließ Rosenquist fortan die Finger; stattdessen mietete er sich ein kleines Atelier in Lower Manhattan und startete als Begründer der Pop Art zusammen mit Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Tom Wesselmann eine beispiellose Karriere.

Dass er heute als Klassiker zelebriert wird, genießt der 71-Jährige in vollen Zügen. Auf ernsthafte Auseinandersetzung will er sich gar nicht erst einlassen, obwohl er als kritischer Kopf gehandelt wird und zuletzt öffentlich gegen den Irak-Krieg protestierte. Statt über „Collage and the Painting of Modern Life“ zu referieren, wie von der American Academy angekündigt, lässt er seine Bilder durch den Diaprojektor rauschen („Oh, I don’t remember the name of that baby.“). Wirklich lebhaft wird er erst, als ihn die Kuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, das die Wolfsburger Retrospektive organisiert, nach den swinging sixties und den Partys befragt. Die tollsten hat er selbst organisiert, mit tausend Gästen und Karlheinz Stockhausen dazu, bis in die frühen Morgenstunden wurde damals gefeiert. Den Partylöwen würde er immer noch gerne geben, wenn er sich bei der Vernissage in Wolfsburg nicht eine schwere Erkältung zugezogen hätte. Stattdessen muss es bei ein paar Witzen anschließend beim Dinner in der Bibliothek der American Academy bleiben („Here’s a German joke: What comes between fear and sex? Fünf!“).

Die Begegnung mit seinem Werk zeigt, dass sich hier ein Maler seine Themen immer wieder neu erarbeitet hat. Ihn als Chronisten der Konsumwelt zu bezeichnen,wäre zu wenig, denn Rosenquist hat bei aller Lust an der realistischen Wiedergabe immer auch Hintergedanken. Seine aus der Werbung entlehnte Devise lautet „What you see is what you don’t get.“ Bei aller Opulenz vergeht dem Betrachter das Verlangen; Gefühle des Ekels machen sich breit, wenn sich der Kühler eines Fords, ein sich umarmendes Paar und glibberige Spaghetti horizontal übereinanderstapeln.

Bedrohliche Üppigkeit findet sich auch in den riesigen Blumenbildern der Achtziger- und Neunzigerjahre wieder, die der Künstler mittels einer neuen Abklebetechnik mit Frauengesichtern unterschneidet. Zwischen den Blättern eines Kapuzinerkresse-Salats lugen da gefährlich die Augen einer Schönen hervor. Wo Lippenstifte wie Raketenköpfe erscheinen und Frisierhauben wie Reaktorkuppeln, gewinnt Gesellschaftskritik zumindest einen sinnlichen Faktor. Ein Maleradept wie Jeff Koons hat diese Qualität instinktsicher erkannt und in seine eigenen Riesen-Kompositionen Sündiges allerdings ohne Sühne collagiert. Befragt nach seiner Vorbildfunktion; antwortet Rosenquist nur: „I hope not!“ Diese Träumerei sei dem Altmeister gegönnt.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 5.6.

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