Kultur : Größenwahnsinn der vernünftigen Art

Johannes Völz

Es gibt Sätze, die sind in Interviews tabu. Steffen Kopetzky scheint sich eine lange Liste gemacht zu haben, voll mit solchen Sätzen. Nicht etwa, um sie zu vermeiden, nein: um sie dem Reporter aufs Tonband zu diktieren. Für einen "Geniestreich" hält der 30-Jährige seinen neuen Roman "Grand Tour", einen 730-Seiten-Wälzer, in dem sich die Wege eines jungen Nachtzug-Schaffners mit denen eines alternden Erbrecht-Anwalts kreuzen. Ein Roman, in dem nicht weniger als 40 Figuren auftreten, miteinander verzahnt wie die Räder eines Uhrwerks, wobei Uhren, ja, die Zeit als solche auch eines der großen Themen darstellen. Genauso wie Liebe, Tod, Geburt, Heimat etc.

Ein Buch, das es laut Kopetzky "mit allem aufnehmen kann, was es auf der Welt gibt". Damit meint er nicht nur, dass der Roman "die Welt fasst", sondern auch: Er, Kopetzky, "das Landei aus Bayern", das nach abgebrochenem Philosophie-Studium von München nach Berlin zog, gehöre in eine Reihe mit Joyce, Mann und Nabokov. Vollkommen logisch eigentlich, schließlich hat man es hier nach seiner Einschätzung mit einem Ausnahmeschriftsteller zu tun. Immer wieder werde ihm das klar, wenn er andere Autoren trifft. "Man weiß schnell, wer sich im ersten Frischegrad befindet und wer sich ein bisschen schwerer tut im Leben. Es ist eine gewisse Form von Schnelligkeit, auch im Denken, und eine Spritzigkeit."

Ein Giftzwerg, ein Größenwahnsinniger, ein penetranter Provokateur? Genauso ist es. Und gleichzeitig ganz anders. Noch mal zurück zum Anfang also. Kopetzky betritt das Café ein paar Minuten zu spät und entschuldigt sich höflich. Bestellt einen Kleinen Milchkaffee. Als der Kellner ihn bringt, sagt er, nein: singt er: "Danke, sehr nett". Er deutet auf zwei kleine Hunde, die sich vor der Tür des Cafés besteigen. "Zwei Männchen", sagt er, "und interessanterweise sind die Betreiber dieses Lokals auch schwul". Er: Witzeln, schmunzeln, menscheln.

Im Zweifel für sich selbst

Sofort bemüht er sich, Nähe aufzubauen. Von Beginn an duzt er, und er duzt ausgiebig. Auf die Frage, was ihn dazu bewegt habe, ein 730-Seiten-Buch zu schreiben, antwortet er: "Du, das war die Sache selbst". Er zieht eine Rothändle aus der Packung, klopft sie eifrig auf die Tischplatte und schmiegt sich dann an die gekachelte Wand. Als der Fotograf geht, setzt er erst seine Wollmütze ab ("Ich bin ja gerade erst aufgestanden, jetzt ist mir warm") und setzt sich dann um, auf die Bank direkt neben den Reporter. Eigentlich klingt Kopetzky ganz vernünftig: Er gibt zu, dass auch er Selbstzweifel kennt, dass er nicht immer davon überzeugt ist, ein wirklich guter Schriftsteller zu sein. Nur eben: "Ich mache diese Schwankungen nicht so häufig durch wie andere. Und es wird immer weniger".

Warum sollte auch einer, der auf Bestätigung nie lange warten musste, zweifeln? Mit einem Fragment seines zweiten Romans "Einbruch und Wahn" gewann er 1997 in Klagenfurt den Preis des Landes Kärnten, eines seiner Theaterstücke wurde mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnet. Nebenbei arbeitet er als Journalist, hat für die "Süddeutsche Zeitung" geschrieben, Radiofeatures verfasst und ist darüber hinaus im Wechsel mit anderen Jungschriftstellern Kolumnist bei der "Zeit". Fast allem stimmt Kopetzky im Gespräch zu, er gesteht gerne: Ja, er wollte ein so dickes Buch auch deshalb schreiben, um sich abzuheben von der Flut deutscher Jungautoren. Ja, er sieht ein, dass die sprachliche Unzugänglichkeit dieser Bücher eigentlich einer Zumutung gleichkommt. "Ich als Leser denke mir: Wenn mir ein Buch keinen Spaß macht, sollte ich es nicht lesen. Dafür ist die Zeit zu schade".

Eine leuchtende Liebe zur Welt

Wenn er dann auf die Figuren in seinem neuen Buch kommt, wird Steffen Kopetzky gar zum großen Harmonisierer. Dann spricht er von der Liebe zu seinen Charakteren, erzählt, dass er die Skepsis der ersten beiden Bücher hinter sich gelassen und sich nun der Menschlichkeit und dem Mitgefühl zugewandt habe. "Ich musste erst älter werden um zu verstehen, dass das der bessere Weg ist in der Welt". Überhaupt, die Welt als solche: So verbunden fühlt er sich ihr, dass er von "der hohen leuchtenden Liebe zur Welt" spricht und von einer universellen Literatur träumt, die alle Menschen erreicht, ganz egal, welche Sprache sie sprechen. Versuchten die Autoren der Moderne, etwa Joyce mit "Finnegans Wake", ein solch idealistisches Ziel noch über sprachliche Experimente zu erreichen, will Kopetzky die Menschen über den Plot zusammenführen.

"Es geht ja darum: Wie verständigen wir uns, weltweit, welche Patterns begreifen wir?" Doch in dem Moment, als er auf Joyce kommt, durchkreuzt er selbst seine Vision der Weltkommune, kommt zurück auf seine eigene Begabung. "Finnegans Wake" habe er ja schon in der Schule übersetzt, irgendwann zwischen 16 und 18. "Es fiel mir wahnsinnig leicht, das nachzuahmen". Die "James-Joyce-Foundation" in Zürich habe ihn damals zu einem Vortrag eingeladen. "Mit den Profis" habe er seine "sehr originelle Auffassung" diskutiert. "Sehr originelle Auffassung", er sagt das wirklich so, ganz unironisch, als spräche man nun einmal so über sich. Und er erklärt diese Auffassung sogleich: "Ich habe damals gesagt: Die Übersetzung ist die Summe des Wissens über den Text zu einem Zeitpunkt x". Wie soll man sich dieser Taktik widersetzen: Einerseits gibt Kopetzky den überkandidelten Narziss. Andererseits stimmt er einem so lange zu, bis man ihm selbst zustimmt. Er zwingt einen fast, ihn zu mögen. Vielleicht ist er ja doch ein Genie.

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