Kultur : Größere Liebe

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über Musiker, die mit Geistern sprechen

In der New Yorker Zeitschrift Village Voice stand vor kurzem, dass William Parker s „Bob’s Pink Cadillac“ zu den besten CDs des vergangenen Jazzjahres gehört. Dabei handelt es sich um ein ZweiCD-Set, das der New Yorker Avantgarde-Bassist mit seinem Clarinet Trio aufgenommen hat. Und zwar live im Downtown-Laden „Tonic“ und in einem Studio in Brooklyn. Zu seinem Trio gehört der Schlagzeuger Walter Perkins, unvergessen von der Roland Kirk Platte „I Talk With The Spirits". Nie wieder in der Geschichte des Jazz fanden sich soziale Entwicklungen, Visionen, Gegenentwürfe und Befindlichkeiten so unmittelbar in den Plattentiteln gespiegelt wie in jenen Jahren. „I Talk With The Spirits“ war 1964 die Message des Multinstrumentalisten Roland Kirk , der sich später „Rahsaan“ taufte, und „A Love Supreme“ die des Saxofonisten John Coltrane – der unlängst mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen ergänzte 2-CD-Set von „A Love Supreme“ zählt ebenfalls zu den wichtigsten Veröffentlichungen des letzten Jazzjahres. Kirks Flötensound auf „I Talk With The Spirits“ war kräftig und voll wie selten im Jazz, allein der Titelsong provoziert eine schwebende Stimmung, Kirk wähnt sich hier inspiriert vom Gesang eines Kirchenchores. Die Auseinandersetzung mit der Kirche als Synonym für die Vergewisserung und Bewahrung der eigenen Geschichte ist ein immer wiederkehrendes Motiv in den Kompositonen vieler afroamerikanischer Musiker. William Parker sagt, dass die Basis von „Bob’s Pink Cadillac“ der Blues ist. Die Village Voice sagt, dass „Bob’s Pink Cadillac“ die beste Platte ist, die der Klarinettist Perry Robinson je gemacht hat. Erhältlich ist das Album über www.eremite.com .

Der 1938 in New York geborene Perry Robinson ist der Sohn von Earl Robinson, Komponist von sozialkritischen Folkklassikern wie „Joe Hill", „Ballad for the Americans“ und „The House I Live In". Ob Brecht, Eisler oder Paul Robesen, Leadbelly, Pete Seeger und Woody Guthrie – sein Vater ging oft mit ihnen aus, und Perry war häufig dabei. Später,1959, als Student an der Lenox School of Jazz in Massachusetts, lernte Perry dann Don Cherry und Ornette Coleman kennen. Eine Begegnung, die sein musikalisches Leben ändern sollte. „Funk Dumpling“ hieß 1963 Perry Robinsons Debüt als Leader, ein jazzhistorisch bedeutendes Album mit vielen verschiedenen Einflüssen zwischen Folkmelodik, Coleman und Blues. Später wirkt Robinson auch bei Charlie Hadens Liberation Music Orchestra und Allen Ginsbergs Aufnahmen von „A Dream“ und „Vomit Express“ mit. Anfang der Siebzigerjahre taucht Robinson sogar auf Platten von Dave Brubeck auf. Mitte der Achtzigerjahre gründet Robinson dann wieder ein eigenes Quartett. Seitdem mit dabei sind der New Yorker Bassist Ed Schuller , Sohn von Gunther Schuller, und der Schlagzeuger Ernst Bier, der damals in New York bei dem Coltrane-Schlagzeuger Elvin Jones studierte. Das Perry Robinson Quartett mit dem Pianisten Christoph Adams spielt von Mittwoch bis Sonnabend im A-Trane , jeweils ab 22 Uhr.

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