Größte Privatkollektion hebräischer Handschriften : Das Drehbuch der Schöpfung

Das Jüdische Museum Berlin präsentiert illustrierte Gebetbücher, Textrollen und Hochzeitsverträge aus acht Jahrhunderten: die faszinierende Sammlung des Schweizer Unternehmers René Braginsky

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Die Geschichte eines verhinderten Völkermords: Detail aus der Estherrolle (um 1900, Indien).
Die Geschichte eines verhinderten Völkermords: Detail aus der Estherrolle (um 1900, Indien).Foto: Jüdisches Museum Berlin

Beim Erschaffen der Landschaft samt Mond und Sonne ist Gott nur von hinten zu sehen. Er trägt den Glorienschein, ein rotes Gewand mit blauem Schal und eine Krone auf dem blonden Schopf. Zu seinen Füßen steht ein Pfau. Beim Herausoperieren Evas aus Adams Hüfte zeigt Gott sogar sein bärtiges Gesicht, ebenso, wenn er das Paar mit der Schlange erwischt und streng die rechte Hand erhebt. Nach der Vertreibung aus dem Paradies erscheint er perspektivisch klein und ziemlich fern, segnend auf einer Wolke, der Familie Noah, die den Fluten entkam; und zuletzt dem träumenden Jakob, Israels Stammvater – an der Spitze einer Engelsleiter, die himmelwärts führt.

Sechzig Gouachen zum ersten Buch der Bibel hat ein christlicher Illustrator venezianischer Schule um 1720 auf Korfu geschaffen: Das im Judentum befolgte Verbot, den Allerhöchsten abzubilden, ignorierte er und verteilte die Motive aus der Genesis chronologisch fortlaufend von links nach rechts über 120 Pergament-Seiten. Die blütenumkränzten weißen Flächen dazwischen wurden von einer sephardischen Gemeinschaft mit hebräischen Gebeten, Segenssprüchen und Gedichten für Hochzeitsfeiern gefüllt – platziert ohne direkten Bezug zu den Szenen, gegenläufig von rechts nach links. Dies fromme Hausbuch der Familie de Mordo ist ein interreligiöses Kuriosum und demonstriert in seiner Einzigartigkeit, was für die meisten der 120 Schriftkultur-Objekte gilt, die das Jüdische Museum in einer faszinierenden Ausstellung präsentiert: Traditionstexte verbinden sich mit den künstlerischen Ausdrucksformen unterschiedlichster Mehrheitsgesellschaften, die Minderheit überlebt assimiliert. Und hält doch zu allen Zeiten in jedem Land an der eigenen Herkunfts-Erzählung fest.

„Die Erschaffung der Welt“ hat das Museum seine Dokumenten-Schau genannt: Schätze aus acht Jahrhunderten, die überwiegend der größten Privatsammlung jüdischen Schrifttums im Besitz des Schweizer Unternehmers René Braginsky entstammen. Auf tiefblauem Untergrund werden bebilderte Gebetsfibeln, rabbinische Kommentare sowie prächtige Haggada-Bände für die Feier der Pessach-Nacht ausgebreitet. Rot leuchtet die Kemenate der 30 Hochzeitsverträge aus Italien, Frankreich, Spanien, Marokko, Israel, von der Krim, aus Indien und China: Während die Vertragsklauseln zur Absicherung der Braut sich standardisiert entwickelten, variieren die Ornamente in globaler Vielfalt Assoziationen zum Namen des Bräutigams oder Fauna-Motive (die hebräischen Vokabeln für „Glück“ und „Tierkreiszeichen“ klingen identisch). Gelb strahlt die große Wand, an der 31 illustrierte Schriftrollen der zu Purim verlesenen Esther-Geschichte berichten, wie Persiens Juden gerettet wurden: kostbare Autografen aus Wien, Prag, Bagdad, Rom, Jerusalem, Amsterdam, aus Marokko, Deutschland, der Ukraine. Auf einem französischen Exemplar des 19. Jahrhunderts treten die biblischen Personen als apfelbäckige Guignolpuppen auf und die Heldin Esther als Marionettenspielerin, an deren Strippen der Judenverfolger Haman und König Ahasverus zappeln.

Eigentlich dürfen Schriftrollen für den Gottesdienst nicht bebildert sein; das Buch Esther ist eine Ausnahme. Die Tora dagegen, von manchen Gelehrten als Gottes prähistorisches Schöpfungs-Skript angesehen, haben hingebungsvolle Schreiber über viele Epochen ohne ablenkendes Schmuckwerk tradiert: mit kultischer Präzision auf Pergament, den Häuten koscherer Tiere. Ein Buchstabe mehr oder weniger könnte den Kosmos zerstören, sagt der Talmud. In der Ausstellung kopiert ein Rabbiner an fünf Werktagen das Buch Genesis; am Wochenende demonstrieren Schriftkünstler arabische, chinesische, lateinische Kalligrafie. Ab Juli wird ein Computer der Karlsruher Künstlergruppe „robotlab“ über sechs Monate täglich die Tora mit Feder und Tinte schreiben: als Kontrast-Performance zum Bilder- und Buchstaben-Paradies der Braginsky-Sammlung, die Schönheit und ewige Identität, das Bleibende im Wandel zu bewahren sucht, und dabei so leicht entflammbar ist.

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9–14, bis 3. 8.; Mo 10–22 Uhr, Do bis So bis 20 Uhr. Katalog 45 Euro.

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