Gropius-Bau : Organisation ist alles

Christine Hill ist Künstlerin, Professorin, Ladenbesitzerin. Im Gropius-Bau zeigt sie ihr "Do-it-yourself-Bauhaus".

Kolja Reichert

Man stelle sich vor, jemand nähme an einem verkaufsoffenen Sonntag die Decke von einem Einrichtungshaus und man blickte von oben hinein: auf all die Singles, Pärchen und Familien, die sich in der Verfolgung ihrer Wohnträume von der Küchen- zur Schlafzimmerabteilung schieben, zögernd stehen bleiben, Zimmer- und Vermögensmaße abwägend. Menschen, die ihr Leben vermessen.

Ähnlich blickt man von oben in den Lichthof des Martin-Gropius-Baus auf Christine Hills neuestes Werk. Eben haben die Besucher in der großen BauhausAusstellung verfolgt, wie eine Gruppe Visionäre auszog, das gesamte moderne Leben umzugestalten; nun sitzen sie in IKEA-Möbeln und blättern in einem Katalog für Bauhaus-Tapeten, fragen sich, was der Ordner voller Aufbau-Anleitungen soll oder sitzen um einen Tisch und malen eigene Wohnungsgrundrisse. So wie die Träume aus der Zukunfts-Domhütte Bauhaus in die Regalmeilen eines Heimwerkermarktes gleichen Namens mündeten. Oben, am prunkvollen Geländer, steht die Künstlerin und studiert ihre Gäste, wie sie ins Spiel vertieft oder leicht steif um Würde kämpfend durch die gelben, blauen, roten Wände ihres Do-it-yourself-Bauhauses streifen und sich womöglich fragen: Ist das jetzt Kunst oder die Kinderecke? Christine Hill strahlt. „Ich könnte hier stundenlang stehen.“

Da kann man sich gut vorstellen, wie diese Frau, deren Körper immer in Bewegung ist, die Augen immer in Kontaktaufnahme, 1991 von Baltimore nach Berlin kam, mit einem Kunsthochschulabschluss, einem Koffer und einem Tagebuch, und nach Wochen plötzlich in der U-Bahn die fremde Sprache verstand. „Ich dachte: Die Deutschen sind ja genauso mit Kleinkram beschäftigt wie wir.“ Oder wie sie, als sie später nach New York zog, alle Stadtführungen mitmachte, mit ihrem Registrierblick erfasste, worauf es ankam und dann selbst zur Stadtführerin wurde.

Da hatte Hill sich schon einen Namen gemacht mit ihrer Konzept- und Performancekunst, die so außergewöhnlich ist, weil sie das Gewöhnliche in den Blick nimmt. Es gibt nichts, das für Christine Hill nicht interessant genug wäre, um archiviert zu werden: alte Notizbücher, Hinweiszettel aus der Reinigung. Ihre „Volksboutique“, 1996 als SecondhandLaden in Mitte gegründet, ist durch die großen Ausstellungshäuser gereist, vor zwei Jahren war sie auf der Biennale in Venedig. Im Februar hat Christine Hill in der Choriner Straße wieder ein Ladenbüro eröffnet.

Hill ist Geschäftsführung, Verkäuferin, Marketingabteilung und Vertreterin in einer Person. Die perfekte Selfmadewoman, gekleidet in den zeitlosen Glanz einer fahrenden Händlerin. Zu einer Ausstellung reiste sie mit fünf Koffern an und lebte jeden Wochentag einen anderen Beruf. Warum solle man sich noch mit Arbeit beschäftigen, wurde sie da gefragt, wenn man in der Freizeit eine Galerie besuche. Für Hill eine unverständliche Frage. „Man verbringt so viel Zeit mit Arbeit, man sollte ihr ruhig mehr Aufmerksamkeit widmen.“ „Organizational Ventures“ nennt sie ihre Kunst, organisatorische Unternehmungen.

Geht man mit Christine Hill Kaffee trinken, ertappt man sich umgehend dabei, mit ihr die Kellnerinnen zu taxieren und die Arbeitsabläufe zu analysieren. „Die sind nicht gut organisiert“, sagt Hill. „Das tut mir immer leid.“ Manchmal hat sie diesen Albtraum: Sie muss wieder kellnern. Auch mit ihren Studenten an der Bauhaus-Universität in Weimar, wo Christine Hill den Lehrstuhl „Medien und öffentliche Erscheinungsbilder“ innehat, spricht sie weniger über Medienkunst als über Organisation. „Sie sollen verstehen, wie Sachen zusammenkommen.“ Alle zwei Wochen wird ein Experte eingeladen, ein Stenograf oder ein japanischer Teezeremonienmeister, und die Studenten müssen einen Raum herrichten, Tatami-Matten organisieren und Reispapierwände.

Von den alten Bauhaus-Grundsätzen schätzt Hill besonders den Werkstattcharakter: dass Gleichgesinnte etwas schaffen, was kein Einzelner schaffen könnte. „Ihr sollt nicht tippen, was im Trend ist“, rät sie ihren Studenten, „sondern gucken, was euch im Alltag anspricht.“ War Christine Hill im vorigen Leben ein Bauhaus-Direktor, dann bestimmt der Sozialist Hannes Meyer mit seiner Devise „Volksbedarf statt Luxusbedarf“.

Seit Christine Hill Professorin ist, kommt sie am Wochenende auch mal zur Ruhe. Statt in Museen geht sie dann auf die Flohmärkte, lernt die Händler kennen, knüpft Kontakte. Besitzt sie da nicht den Schlüssel für eine große Geldmaschine? Warum wertet sie nicht einfach alles, was sie auf dem Flohmarkt findet, mit ihrem Namen auf und verkauft es teuer auf dem Kunstmarkt? Sie könnte den Handel obendrein als ironische Strategie legitimisieren, die das Kunstsystem vorführt. Christine Hill ist kurz still. Es ist nicht auszumachen, ob sie den Gedanken noch nie hatte oder ob er ihr einmal zu oft angetragen wurde. Dann kokettiert sie: „Vielleicht bin ich zu dumm.“

Ihr Galerist Gerd Harry Lybke käme auch immer mit Tipps. Weniger arbeiten, weniger machen. „Das kommt bei mir nicht an. Vielleicht ist das die englisch-puritanische Arbeitsethik.“ Ihre Kindheit in einer amerikanischen Kleinstadt, der Vater, der immer arbeitete – und die drittgrößte Modelleisenbahnsammlung der Vereinigten Staaten besaß.

Noch ein Albtraum kehrt immer wieder: Börsenhändlerin sein zu müssen, in einem Büro vor einem Bildschirm zu sitzen – und nichts zu verstehen.

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