Kultur : Groß und klein

In München abgeschmettert, in Berlin vertagt, in aller Welt begehrt: Hochhäuser folgen dem Drang gen Himmel

Bernhard Schulz

Volksbegehren stehen in Deutschland nicht hoch im Kurs. Auf Bürgerbegehren folgt Bürgerschelte. So auch in München: Kaum hatte sich am vergangenen Sonntag eine knappe Mehrheit von 102000 gegenüber 98000 Bürgern gegen den Bau von Hochhäusern ausgesprochen, hagelte es Kritik an ihrem Urteilsvermögen. Es bleibt als Fazit des Münchner Katzenjammers: Hochhäuser werden nicht durchweg als Heilmittel des Städtebaus geschätzt.

In Isar-Athen darf künftig nur noch so hoch gebaut haben, wie es die Meister der Frauenkirche vorgegeben haben: 99 Meter. Bis vor kurzem hatte man sich an diese Vorgabe gehalten, aber mit einem Mal schossen die Hochhausprojekte in die Höhe. Die Rathausparteien begrüßten den Drang nach oben, schließlich will man Investoren locken. Remedur an neuralgischen Punkten des verhunzten Münchner Pkw-Ringes zu schaffen, wurde gleich mit versprochen.

Ähnlich geht es in vielen deutschen Großstädten zu. Köln erlebte kürzlich ein vergleichbares Debakel mit seinen Hochhausplänen, als die Unesco der selbst ernannten Rhein-Metropole das begehrte „Weltkulturerbe“-Prädikat zu entziehen drohte, weil geplante Hochhäuser den Blick auf den Dom zu beeinträchtigen drohen. Der ist mit seinen 156 Metern zwar um einiges höher als sein Münchner Pendant, aber eben auch entsprechend stadtbildprägender.

Erst recht in Berlin erweist sich die Hochhausfrage als Quell jahrelangen Streites. Er ruht derzeit, weil kein Bauherr in Sicht ist, der auch nur die als stadtverträglich festgelegten 150 Meter Höhe erreichen möchte. Baugenehmigungen in dieser Größenordnung sind rings um den Alexanderplatz zwar gesichert, doch beim derzeitigen Überschuss an Büroraum gibt es keine ökonomische Rechtfertigung für den Drang zum Himmel.

Ob es überhaupt eine ökonomische Rechtfertigung für Hochhäuser geben kann, ist umstritten. Gern wird das Beispiel Manhattans herangezogen: Dort ist der Baugrund derart begrenzt und der Drang zur Präsenz so drückend, dass allein der Weg in die Vertikale bleibt. Noch jeder Besucher New Yorks kommt mit leuchtenden Augen aus der Stadt der Türme zurück. Dort ginge es, schwärmen selbst diejenigen, die zu Hause gegen Türmchen Front machen, die in New York allenfalls Mitleid erregen könnten. Hierzulande aber geht es nicht. Punktum.

Dass es sehr wohl geht, beweist seit dreißig Jahren die deutsche Bankenmetropole Frankfurt am Main. Von Fläche und Einwohnerschaft nicht größer als ein halbes Dutzend anderer deutscher Städte, hat es Mainhattan geschafft, sich mit einprägsamen Bauten wie Helmut Jahns Messeturm oder Norman Fosters Commerzbank-Zentrale eine Skyline zu schaffen, die selbst der Landesunkundige bereits aus dem Flugzeugfenster erkennt. Einprägsamkeit oder neudeutsch Identität ist denn auch ein gewichtiges Argument der Hochhaus-Befürworter. Im Einheitsbrei der genormten Massenbebauung – man denke nur an Berlins geheiligte 22-Meter-Traufhöhe – vermögen markante Hochhäuser Ankerpunkte fürs Auge zu schaffen, Wegmarken der Erinnerung, in welcher Stadt man sich befindet.

So ist denn das jahrzehntelang für eine amerikanische Besonderheit angesehene Hochhaus in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren zur wahrhaft globalen Baugattung herangereift. Technische Rahmenbedingungen spielen keine Rolle mehr. Es bedarf nicht des New Yorker Granits, um darauf verlässlich einen Turm zu gründen. Ob im Wüstensand von Abu Dhabi, in der Flussniederung von Schanghai oder der Erdbebenzone von Taipeh – überall lassen sich Türme errichten, die sich buchstäblich über alle Bedenken erheben. In der taiwanesischen Hauptstadt Taipei, die zusätzlich zur Erdbebengefahr auch noch von wiederkehrenden Stürmen geplagt wird, steht gar das derzeit höchste Hochhaus der Welt: „Taipei 101“ mit 508 Metern Höhe. Das Gebäude fällt nicht zuletzt deshalb aus dem Rahmen, weil es sich inmitten einer vergleichsweise niedrigen Stadt erhebt und umso imposanter – und unwirklicher – erscheint, je weiter der Betrachter entfernt steht.

Ökonomische Gründe können in Taipeh kaum den Ausschlag für den Bau des Turmes gegeben haben; ebenso wenig wie beim Bau der Zwillingstürme der „Petronas Towers“ in Kuala Lumpur, die bis dato mit 452 Metern den Weltrekord hielten. Wirtschaftliche Erwägungen sprechen hingegen in Schanghai-Pudong und vor allem im zwischen Bergen und Meer eingepferchten Hongkong sehr wohl für den Bau immer höherer Türme. 421 respektive 475 Meter lauten die jeweiligen lokalen Höchstmarken. Wo liegen die Grenzen des Möglichen?

In Deutschland werden sie gewiss nicht erprobt. Doch mittelgroße Stadtmarken liegen im Trend. Das Rhein- Ruhr-Gebiet, das visionäre Politiker seit jeher zu einer einheitlichen Stadtregion zu verschmelzen hoffen, legt sich allerorten ansehnliche Türme zu, wie etwa die RWE-Hauptverwaltung in Essen durch den Düsseldorfer Christoph Ingenhoven, der international als einer der Vorreiter des „ökologischen“, energiesparenden Hochhauses gilt. Der Architekt ist denn auch einer der Väter der Ausstellung „Der Traum vom Turm“, mit dem das Düsseldorfer „NRW-Forum Kultur und Wirtschaft“ derzeit für Hochhäuser wirbt (Ehrenhof 2, bis 20. Februar. Katalog bei Hatje Cantz, 22,80 €). 60 weiße Modelle im einheitlichen Maßstab 1:200 bieten die Möglichkeit, die Türme der Welt miteinander zutreffend zu vergleichen. Der Betrachter kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus – und es ist dieses Staunen angesichts des himmelstürmenden Dranges, der die Menschheit seit dem Turmbau von Babel beflügelt hat. Auch dieses historische Urmodell allen Hoch-Hinauswollens dürfte sich wirtschaftlich nicht gerechnet haben; das nur nebenbei.

Ein Münchner Hochhausentwurf ist nicht unter den Düsseldorfer Modellen. 99 Meter sind denn doch etwas zu wenig.

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