Kultur : Großbürgerliche Moderne

ARCHITEKTUR

Bernhard Schulz

Prag war einmal eine Hauptstadt der architektonischen Moderne. Daran wirkten Tschechen mit; aber ebenso deutschsprachige Architekten, ob aus Prag selbst, aus Wien oder sonst woher. Das wurde nach 1945 vollständig verdrängt, aus bekannten Gründen – ist aber bis heute nicht überwunden. Umso bemerkenswerter der Titel „Begleichung der Schuld“ einer Ausstellung über „In Prag tätige deutschsprachige Architekten 1900 – 1938“, die nach ihrer Erarbeitung und Premiere in Prag jetzt im Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg gezeigt wird (bis 31. August, Katalog 22 €). „Heute bemühen wir uns also“, heißt es im Vorwort des vorzüglichen Katalogs, „die Schuld zu begleichen. Doch diejenigen, denen wir unsere Ehre und unseren Dank erweisen wollen, leben nicht mehr.“ So unternimmt es die Ausstellung mit ihren meist in angenehm antiquierter, leichter Unschärfe gehaltenen Fotografien, das Werk von nicht weniger als 68 Architekten, von Hermann Abeles über das ungemein produktive Duo Ernst Mühlstein/Voctor Fürth bis Otto Zucker, vorzustellen.

Daneben finden sich nie gehörte Namen, Absolventen der Prager Deutschen Technischen Hochschule zumeist; allein Fachleuten bekannt aus dem Standardwerk von Rostislav Svacha „Die Architektur des neuen Prag 1895 – 1945“, das dieses „deutschsprachige“ Kapitel in den Kontext des kosmopolitischen Prag stellt (eine deutsche Übersetzung steht immer noch aus!). Dazu kommen als bekannteste Zugereiste Bruno Paul – mit der eleganten Villa Frank – und natürlich Adolf Loos, der ja aus dem mährischen Brünn stammt und, in wirtschaftlich schwieriger Lage, 1930 eine „Ehrenrente“ der tschechischen Republik zugesprochen bekam. Seine Villa Müler, inzwischen sorgsam restauriert, zählt zum Besten einer großbürgerlichen Moderne, die man in Prag auch in den wunderbar zahlreichen Mietshäusern der Zwanziger- und Dreißigerjahre zu erkennen meint. Es ist ein großartiges – und mit dem Nazi-Einmarsch schrecklich geendetes – Kapitel der europäischen Architekturgeschichte, das die Prag-Regensburger Ausstellung da heraufholt.

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