Kultur : Große Dichte - harter Sound

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Bearbeitungen und Transkriptionen sind ein Genre, das sich unter den Komponisten unserer Zeit einer zunehmenden Beliebtheit erfreut.Pierre Boulez hat diesen Trend bereits in den siebziger Jahren vorweggenommen, als er seinen frühen Zyklus von Klavierminiaturen "Notations" (1945) zum Ausgangspunkt einer orchestralen Erweiterung nahm.Vier dieser Transkriptionen, die - wie Boulez selbst sagt - eigentlich Neukompositionen darstellen, sind bislang vollendet.Daniel Barenboim hatte sie nun mit den Berliner Philharmonikern einstudiert.

Nur etwa zehn Minuten dauern die "Notations I-IV", doch das große Orchester wird in der kurzen Zeit auf das Äußerste gefordert: von kammermusikalischer Intimität bis zur geballten Kraft des Tutti, von motorisch pulsierenden Rhythmen bis zu leise schimmernden Klangflächen.Daniel Barenboim hat gut daran getan, sich für die erste Konzerthälfte auf diese Stücke zu beschränken - so war eine wirklich intensive Probenarbeit möglich, die die "Notations" unbedingt voraussetzen.Und so kamen die Stücke zu einer ungeheuren Wirkung: die atmosphärische Dichte, die Farbigkeit des Klanges der ersten und dritten "Notation" schlugen ebenso in Bann wie die rhythmische Gewalt der zweiten und vierten.Barenboim, der 1980 bereits die Uraufführung dirigiert hatte, kennt Stärken und Tücken der Partitur genau und vermochte sie durch präzise Zeichengebung optimal umzusetzen.Man kann nur hoffen, daß er seinen Freund Boulez einmal anregt, das "Work in progress" voranzutreiben und auch die übrigen Klavierstücke zum Anlaß solch faszinierender orchestraler Neuschöpfungen zu nehmen.

Nach einer längeren Umbaupause ließ Barenboim dann das Orchester in deutscher Sitzordnung auf dem Podium der Philharmonie platznehmen - eine Aufstellung, für die zahlreiche Klangwirkungen in Anton Bruckners Vierter Sinfonie Es-Dur konzipiert sind und die deshalb zurecht für dieses Werk vorzuziehen ist.Doch Barenboim schlug hieraus weniger Funken, als man zunächst hoffen mochte.Nach einem spannungsvollen Beginn - mit zartem Streichertremolo aus dem Nichts und wunderbarem Hornsolo - geriet gleich die erste Steigerung brachial.

Das sonst so famos weiche Blech klang hart und unbarmherzig, fast wie eine amerikanische Brass Band - ein "Sound", den Barenboim offenbar anstrebt, nicht nur mit seinem Chicagoer Orchester.In sehr raschen Tempi fegten die Musiker über das Werk hinweg, anstatt es in seinen schönen Details auszukosten.Eine Aneinanderreihung pathetischer Stellen, der der große, alles zu einer Einheit verbindende Entwicklungsbogen fehlte: eine zwar brillante, letztlich aber oberflächliche Lesart.

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