Kultur : Große Fische

Rempelnde Besucher, ausverkaufte Kojen: Die Art Basel verteidigt ihren Ruf als wichtigste Kunstmesse

Claudia Herstatt
Für jeden etwas. Die Galerie L & M bietet neben Paul McCarthys Skulptur „Tripod“ das Gemälde „An American Lady: Kay Fortsont“ von Andy Warhol an. Foto: Wiegmann/Reuters
Für jeden etwas. Die Galerie L & M bietet neben Paul McCarthys Skulptur „Tripod“ das Gemälde „An American Lady: Kay Fortsont“ von...Foto: REUTERS

Kunst kaufen tut manchmal weh. Das Gerempel beim Einlass zur Art Basel für die eingeflogenen first choice-Gäste war so groß, dass eine Sammlerin gegen eine Barriere gedrückt wurde und sich dermaßen verletzte, dass man sie ins Krankenhaus bringen musste. Wie ein Tsunami schwappte die erste und exklusivste Welle in die Halle II mit mehr als 300 Galerien und Werken von 2500 Künstlern – alle insgesamt versichert für 1,75 Milliarden Dollar. Dabei wussten die Herren sich ihrer Ellenbogen so rücksichtslos zu bedienen wie die Damen ihrer wehrhaften Luxustaschen. Sie waren nicht zu ihrem Vergnügen zur konkurrenzlos wichtigsten Messe für moderne und zeitgenössische Kunst gekommen, der 42. Ausgabe der Art Basel. Sie wollten kaufen, kaufen, kaufen.

Eine Dreiviertelstunde nach Einlass waren die Gänge dicht und die Schlachten im vollen Gang. Innerhalb von Minuten hatte die Galerie Marian Goodman aus New York zwei Dutzend kleinformatige Hinterglasbilder von Gerhard Richter für je rund 30 000 Euro verkauft. Selbst für das teuerste Messe-Objekt, „One hundred and fifty black, white, grey Marilyns“ (1980) von Andy Warhol gab es einen ernst zu nehmenden europäischen Sammler. Er wollte bei Bruno Bischofberger (Zürich) 80 Millionen Dollar für die zehn Meter lange Arbeit hinblättern. Nun aber scheint es, als würden Interessent und Galerist leer ausgehen. Der Einlieferer soll in letzter Minute einen Rückzieher gemacht haben. So bleibt das kapitale Werk wohl bis zum Ende der Messe eine unverkäufliche, museale Dekoration.

Angesichts der hohen Preise wollte aber auch nicht jeder mitziehen. So meinte die Münchner Sammlerin Inge Rodenstock: „Das ist mir jetzt zu teuer.“ Aber es gibt eben sehr viel Geld, das sich an Kunstwerte binden möchte. Selbst auf der Art Unlimited, deren Großprojekte meist schwer zu vermitteln sind, ließen sich bereits am Abend vor der Eröffnung Geschäfte machen. David Juda (London) ist überzeugt: „Der Black Dome von David Nash ist so gut wie verkauft.“ Das Ensemble aus zwölf geschnitzten, verkohlten Holzblöcken misst immerhin knapp sieben Meter.

Die Millionen gingen über die Theke, als gäbe es nur Kunst: 500 000 Dollar für Fred Sandback und fast eine Million für eine Neoninstallation von Jason Rhoades bei David Zwirner (New York), 450 000 Euro für Robert Delauney, 295 000 Dollar für Anselm Kiefer bei der Galerie Thomas (München), zwei Millionen Dollar für Elvira Gonzalez und 1,3 Millionen Dollar für Sigmar Polke bei Acquavella Galleries (New York).

Die Liste ließe sich endlos weiterführen, und man fragt sich: Steht in Basel rund um den sonnigen Innenhof die Welt ähnlich Kopf wie für die beiden Polizisten, die Maurizio Cattelan am Stand von Gagosian mit den Füßen zuoberst in den Boden gerammt hat? Bei der Berliner Galerie CFA wird schon am zweiten Messetag gejubelt: „Der Messeverlauf ist fantastisch! Wir haben wichtige Werke von Anselm Reyle, Daniel Richter, Georg Herold und Marcel Eichner verkauft. Sowohl an internationale private Sammler wie auch an Museumsvertreter."

Bei solchen Erfolgen weinen viele der 700 abgelehnten Bewerber nicht nur leise in ihre Kissen. Dazu gehören gewiss Eigen + Art, Mehdi Chouakri oder Giti Nourbakhsch aus Berlin. Doch die geheimen Entscheidungen der Jury sind so wenig von außen nachvollziehbar wie die vage Begründung, Berliner Galerien seinen zu stark auf der Art Basel vertreten und müssten deshalb reduziert werden. Schließlich stammen drei Nachrücker Isabella Bortolozzi, Joanna Kamm und PSM ebenfalls aus Berlin. Nun wäre es unfair, das Programm der Newcomer mit dem der vom Platz verwiesenen zu vergleichen. Doch machen sie auf ihre Weise auch eine gute Figur. Joanna Kamm mit Filzskulpturen von Simon Dybbroe Moller und Werken von Pavel Pepperstein. Die messeerfahrene PSM Galerie setzt bei ihrem Baseler Debüt in der Sektion Art Statements auf den 1972 in den USA geborenen Daniel Jackson, der sich in seinen Skulpturen mit der Produktion von Kunst beschäftigt. Isabella Bortolozzi zeigt den Documenta-Künstler David Hammons mit einem langen, gerafften Seidenvorhang, aus dem dünne Drähte herausragen, die um Zigarettenkippen gedreht sind. Auch die aus Fundstücken und Gummischlaufen gebundenen Skulpturen des 1975 Danh Vo stehen hoch im Kurs. Sie werden ebenfalls von Daniel Buchholz (Köln/Berlin) gezeigt, wo sie von der Ankaufkommission für die Kunstsammlung des Bundes ins Auge gefasst wurden.

Die Maschinerie der Art Basel, die nach Miami Beach nun auch nach Hongkong expandiert, scheint wie geölt zu laufen. Da braucht es offensichtlich nicht einmal mehr einen charismatischen und visionären Kopf an der Spitze, wie es Samuel Keller einst war. Er war immer präsent. Aber wer erkennt im Gewühl schon Annette Schönholzer oder Marc Spiegler? Neue Akzente haben sie in den drei Jahren keine ersichtlichen gesetzt. Auch wenn das Expertengremium solidarisch die Zusammenarbeit lobt, so vermissen die Galerien das Interesse an ihrer Arbeit oder auch mal einen Besuch an ihrem Stand. Obwohl die beiden Co-Direktoren bei den Zulassungssitzungen ohne Stimme sind, so haben sie doch Macht. Mit Kritik halten sich die zugelassenen Galerien allerdings zurück. Hauptsache, man ist dabei. Wer aufmuckt, etwa wegen einer unattraktiven Standlage, ist vielleicht beim nächsten Mal schon nicht mehr dabei.

Dass der Messeplatz in diesem Jahr so öde aussah wie nie, kann man allerdings den Direktoren nicht anlasten. Die pinkfarbene Verkleidung der Art-Unlimited-Halle fehlte, alle Bäume waren gefällt. Nach der Messe rücken die Bagger an. Für 430 Millionen Schweizer Franken werden die Architekten Herzog & de Meuron bis 2013 eine neue Messehalle errichten. Die 43. Art Basel findet dann auf einer Baustelle statt. Man kann ziemlich sicher sein, dass auch dies die Kaufgier nicht bremsen wird.

Art Basel, Messe Basel; bis 19. Juni, tgl. 11 - 19 Uhr. www.artbasel.com

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