Kultur : Große Gefühle

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Schließlich stranguliert sich die verlassene Frau in Francis Poulencs Oper „Die menschliche Stimme“ mit dem Telefonkabel. Ihr Selbstbetrug, ihre kleinen Lügen können sie nicht mehr über die große Kränkung hinwegtäuschen.Eine schonungslose Selbstentblößung hat Poulenc komponiert nach dem gleichnamigen Erfolgsstück von Jean Cocteau. Das große Sentiment scheute er dabei ebenso wenig wie die verhalten zerbrechlichen Momente. Im Saalbau Neukölln gibt die Sängerin Kristina Naud der nlosen Frau überwältigende Intensität, macht ihre Gefährdung ebenso deutlich wie die vergebliche Hoffnung auf Liebe. Dezent führt Regisseurin Cordula Däuper sie zu den stimmlichen Ausbrüchen, die ergreifen und nie ausufern. Besonderes Gespür entwickelt Däuper für die kleinen Verzweiflungen, erzeugt Gänsehaut durch ihre perfekte Dosierung. Auch der Dirigent Michael Riedel findet den Ton zwischen Opernemotion und Distanz, die für Poulencs Farbenspiel so wichtig ist. In Menottis Kurzoper „The Telephone“ spielt das Kommunikationsmittel eine bedeutend glücklichere Rolle. Zwar geht Lucys Telefoniersucht ihrem schüchternen Verehrer Ben mächtig auf die Nerven, aber schließlich kriegt der versonnene Jüngling sie doch - mit einem Heiratsantrag via Telefon. Während Ausstatterin Julia Schell „Die menschliche Stimme“ in der Entstehungszeit um 1930 belässt, verlegt sie Menottis Oper in die schamlos farbenfrohen Siebziger. Auf orangem Flokatiteppich und halsbrecherischen Schaumstoffmöbeln umkreisen sich Barbie und Ken, pardon Lucy und Ben. . Bei den „48 Stunden Neukölln“ ist mit Cordula Däuper ein Talent zu entdecken (noch einmal heute, 20 Uhr). Uwe Friedrich

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