Kultur : Große Jungs wie wir

„Starsky&Hutch“ reanimiert einen TV-Mythos der Siebzigerjahre – mit Vergnügen

Bodo Mroze

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Kindheitserinnerungen sind wie abgelegte Kleidungsstücke. Man hat es nicht übers Herz gebracht, die mit den Jahren zur zweiten Haut gewordene Jeans oder die alte Strickjacke wegzuwerfen. Findet man sie dann irgendwann in einer Schrankecke wieder, so denkt man gerne an die alten Tage. Anziehen mag man sie meist nicht mehr, weil bortenbesetzte Bündchen oder Schulterpolster ein wenig lächerlich geworden sind.

Für alte Fernsehserien gilt in der Regel das Gleiche. In der kollektiven Erinnerung taugen sie als generationsbildende Maßnahme. Man denkt gerne an Colt Seavers, den knallharten Stuntman oder Flipper, den klugen Delphin, weil sie auch Erinnerungen an Bonanzaräder und Barbiepuppen heraufbeschwören. Wieder sehen will man die Folgen lieber nicht mehr. Die Krimiserie „Starsky & Hutch“ ist da eine Ausnahme. In die alten Folgen kann man auch heute noch schlüpfen wie in eine Schlaghose, die zwar abgetragen ist, aber immer noch sitzt wie angegossen.

Die Serie aus dem Jahre 1975 zeigte, dass man den Beruf des Polizeibeamten nicht ergreifen musste, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Man konnte ihn auch ausüben, um schnelle Wagen in die Kurve zu jagen, bis die Reifen qualmen. Die Dienstmarke diente vor allem dazu, die stets zahlreich zur Verfügung stehenden Blondinen zu beeindrucken. Ken „Hutch“ Hutchinson (David Soul) und Dave Starsky (Paul Michael Glaser) mit dem berühmten Funkruf „Zebra 3“ hatten Maßstäbe gesetzt. Modisch waren sie stets dem allerletzten Schrei verfallen. Sie trugen eine Art Schimanski-Look, lange bevor es Horst Schimanski gab: bunte Strickware, Baseballjacken, Turnschuhe und Spitzkragen, die eigentlich einen Waffenschein erforderten.

Das waren keine abgehobenen Superbullen, sondern zwei aus der Mitte der Gesellschaft: Jungs, die etwas Fettiges mit Ketchup jedem Drei-Gänge-Menü vorzogen, und die in abgelegenen Seitengassen mehr zu Hause waren als in noblen Villenvierteln.

Schon der erste Auftritt war ungewöhnlich. In Folge eins geraten die Zivilpolizisten in eine Schießerei. Kugeln fliegen durch die Luft, Mülltonnen bieten Deckung. Anstatt jedoch den knallharten Actionhelden zu geben, tut Starsky plötzlich etwas vollkommen Krimi-Untypisches. Er hyperventiliert vor Angst. Das war neu. Hier waren zwei Serienhelden, die bei aller Coolness menschlich blieben. Männer, die sich gegenseitig in den Arm nahmen und auch mal am Kunstlederrevers des Kollegen ausweinten, wenn es wieder zu hart gekommen war.

Remakes sind eine ebenso gefährliche Angelegenheit wie herausgekramte Kindheitserinnerungen. Oft sind sie ein bloßer Aufguss, der die Nostalgie beschwört, die er dann doch enttäuscht. Im besten Fall aber versöhnt ein Remake mit der Vergangenheit und schafft auch noch eine ironische Distanz, die den Stoff in die Gegenwart hinüber rettet.

„Starsky & Hutch“, dem Film, gelingt dies beispielhaft. Die Kino-Fassung von Todd Philipps („Road Trip“) bleibt dicht am Original. Im Unterschied zu den wie am Fließband produzierten Aufgüssen von „Charlie’s Angels“ oder „Mission:Impossible“ schleudert er seine Protagonisten nicht in die Gegenwart. Für Teppiche und Frisuren gilt immer noch das ästhetische Prinzip Flokati, und man trägt die alten Turnschuhe mit den drei Streifen .

Die Entdeckung des Filmes ist Ben Stiller („The Royal Tenenbaums“) als Starsky, der seinem Vorgänger Paul Glaser verblüffend ähnelt. Starsky ist ein Vollblutpolizist, der einen ausgewachsenen Ödipuskomplex mit sich herumschleppt. Sein weit weniger ambitionierter Partner Hutch (Owen Wilson), der auch außerdienstlich nichts anbrennen lässt, wird ihm als Disziplinarmaßnahme zugeteilt: zwei Totalversager, die aneinander scheitern sollen.

Doch weil Minus mal Minus am Ende Plus ergibt, lösen die beiden den dicksten Fall ihrer Laufbahn. Der Schurke Reese Feldman, ein später Erbe des jüdischen Gangsters Meyer Lansky, hat einen Stoff entwickelt, der wie Zucker schmeckt und wirkt wie lupenreines Kokain. Der große Deal steht unmittelbar bevor, doch er hat die Rechnung ohne die beiden Querschläger vom Bay-City-Police-Department gemacht. Unterstützt von ihrem altbekannten Informanten Huggy Bear, idealbesetzt mit dem glamourös schlaksigen Rapper Snoop Dogg, drängen die Ermittler mit dem Schmuddel-Image in die Welt der Schönen und Fiesen. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem heimlichen Star der Fernsehserie: dem 1974er Ford Gran Torino. Der von den Fans liebevoll „Tomate“ getaufte Wagen ist das wohl auffälligste Auto, das jemals ein verdeckter Ermittler fuhr.

Unauffälligkeit ist ohnehin nicht das Talent der Chaos-Cops. Natürlich müssen sie vom süßen Stoff probieren, Cheerleader (Carmen Electra) werden in der Junggesellenwohnung verhört, und auch sonst geht fast alles schief. Nebenbei zieht Filmgeschichte vorüber: Mit „Easy Rider“-Zitaten etwa oder einem Tanzduell im „Saturday Night Fever“-Stil. Es darf gelacht werden.

„Starsky & Hutch“, das Remake, kommt ohne aufgemotzte Spezialeffekte aus. Es braucht auch keine. Im Grunde ist es gar kein Krimi. Es ist die romantische Liebesgeschichte zwischen zwei heterosexuellen großen Jungs – und eine Hommage an die Zeit, in der wir kleinen Jungs alle genau so gute Freunde sein wollten wie Starsky & Hutch.

In 21 Berliner Kinos; Cinemaxx Potsdamer Platz (OV) und Cinestar Sony Center (OV)

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