Kultur : Große Kreuztragung

Die Berliner Frühjahrsauktionen stehen vor der Tür.Die Fotoauktion, die die Galerie Bassenge bereits vor einigen Wochen durchgeführt hat, ist hierfür der Auftakt gewesen.Am 5.und 6.Juni geht es bei Bassenge wieder um das klassische Programm, und das heißt Kunst des 15.bis 20.Jahrhunderts.Über 1500 Losnummern füllen die beiden Kataloge, und wie immer stechen aus dem üppigen Material eine Reihe besonders schöner und wertvoller Stücke heraus.

Der Star bei der Alten Kunst ist diesmal Martin Schongauer, jener stätgotische Meister, dessen Bildfindungen nicht zuletzt auf den jungen Dürer vorbildhaft gewirkt haben.Um 1480 schuf er die vielfigurige Komposition "Die große Kreuztragung", sein vielleicht berühmtestes Blatt, das in einem ganz frühen Abzug von bestechender Druckqualität vorliegt: 150 000 DM werden für diese Inkunabel des deutschen Kupferstichs erwartet.Und noch ein zweiter Stich befindet sich im Angebot, die "Heilige Jungfrau der Verkündigung", entstanden vermutlich wenige Jahre vor seinem Tod 1491.Für dieses Blatt, das sich ehemals in der Sammlung des Königs Friedrich August II.von Sachsen befand, verspricht sich das Haus 38 000 DM.

Entwicklungsgeschichtlich geht es nun weiter zu Dürer, der mit rund zwanzig Werken vertreten ist.35 000 DM lautet hier die höchste Schätzung für den Holzschnitt "Das Rhinozeros" aus dem Jahr 1515, gefolgt von jeweils 30 000 DM für die beiden ein Jahr später entstandenen Eisenradierungen "Das Schweißtuch, von einem Engel gehalten" und "Die Entführung auf dem Einhorn", in der die dramatische Begebenheit in der Unruhe der ganzen Komposition, etwa in der Bildung der Wolkenformationen, seine formale Entsprechung findet.Sehr interessant ist auch eine bisher unbekannte Federzeichnung des Dürer-Schülers Hans Süß von Kulmbach.Die Darstellung der Heiligen Familie mit Engeln unter einem Baum von 1510 geht auf eine Dürer-Zeichnung zurück, die sich heute im Berliner Kupferstichkabinett befindet (Taxe 28 000 DM).Erwähnt von der Alten Kunst sei noch Rembrandts berühmte Landschaftsradierung "Die Hütte bei dem großen Baum" (1641, 45 000 DM) sowie die Radierung "Anbetung der Hirten" von Tiepolo für 24 000 DM, ein Hauptblatt des Künstlers (um 1753/57).

Schadows schöne, lavierte Federzeichnung der Königin Luise von 1798 (Taxe 12 000 DM) leitet über ins 19.Jahrhundert, das mit Max Klingers Radierzyklus "Eine Liebe" von 1887 eine große Rarität bereithält; Rarität deswegen, weil es sich bei der vorliegenden, zehn Blätter umfassenden Folge um die erste Ausgabe in Probedrucken handelt, die in nur sieben Exemplaren gedruckt wurde.Fünf davon befinden sich bereits in öffentlichen Sammlungen (40 000 DM).

Auch im 20.Jahrhundert dominiert die Druckgrafik.Zu den Ausnahmen zählt unter anderem ein nicht ganz erstklassiges, spätes Blumenaquarell von Emil Nolde (75 000 DM), eine abstrakte Federzeichnung Kandinskys von 1941, das 45 000 DM kosten soll, sowie Paul Klees kleine Zeichnung "Berg-Tiere" von 1926 für geschätzte 30 000 DM.Während diesmal die Druckgrafik des deutschen Expressionismus nicht ganz so stark vertreten ist - hervorzuheben sind hier vor allem Otto Muellers aquarellierte Litho "Zwei sitzende Mädchen vor liegender Figur" (1912-14, 35 000 DM) und Schmidt-Rottluffs Holzschnitt der "Heiligen Drei Könige" (1917, 20 000 DM) - fällt der Blick besonders auf Braque und Picasso.Braques "Job", eine kubistische Kaltnadelradierung von 1911, ist eine von lediglich zwei Radierungen, die zu ihrer Entstehungszeit von Kahnweiler veröffentlicht wurden (40 000 DM).Picasso glänzt unter anderem mit dem wunderschönen Jacqueline-Porträt "Buste au corsage à carreaux", einer großen Lithografie von 1958, für die man sich nicht weniger als 24 000 DM verspricht. MK

Galerie Gerda Bassenge, Erdener Straße 5A, Auktion am 5./6.Juni, Vorbesichtigung vom 27.-30.Mai und am 2./3.Juni von 10-18 Uhr; zwei Kataloge zusammen 60 DM

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