Kultur : Große Liebe

Kind, du bist stark: Eva-Maria Hagen zum 70.

Kerstin Decker

Überraschend war es doch. Da lässt diese Frau ihre Briefe an Wolf Biermann drucken – ihren Geliebten, ihren Mann. Seine Briefe auch, dazu Tagebuchauszüge, Spitzelberichte, von Liebes-Beginn 1965 (11. Plenum!) bis zu ihrer Ausreise aus der DDR 1977. Soviel veröffentlichte Privatheit, wenn man noch sehr am Leben ist? War das nicht zu früh, egal, dass diese Dokumente einer großen Liebe längst Zeitdokumente sind? Und dann las man die ersten Seiten von „Eva und der Wolf“ und dachte vor allem eins: Die kann schreiben! Wie viele Menschen können ihrer Liebe so Ausdruck geben? Nein, es war 1998 nicht zu früh für „Eva und der Wolf“. Denn diese allerintimste Korrespondenz ist reine Literatur. Und ist nicht jede Literatur, wenn sie eine ist – intim?

Eva-Maria Hagen wird heute siebzig. Ende der Fünfziger war sie das Petticoatmädchen in dem vergessenen DEFA-Schmugglerfilm „Ware für Katalonien“. Wie sie da mit ihrer Film-Mutter im Café Kranzler saß: züchtig. Und doch, etwas vibrierte. Eva-Maria Hagen war vielleicht die Einzige im DDR-Kino für lange Zeit, die etwas besaß, das nicht unbedingt zu den anerkannten Besitztümern im Osten gehörte: Sex. Nicht als Zutat, sondern als Glutkern. Meistens war dieses Innerste verborgen wie in „Ware für Katalonien“, einmal durfte sie es ausstellen, in direktester Indirektheit. „Vergeßt mir meine Traudl nicht“ (Regie: Kurt Maetzig, 1957) ist vielleicht noch immer der Eva-Maria Hagen-Film. Mag sein, andere waren schöner als sie, und trotzdem fiel es auf: „Mein Gott, sagt denn keiner dem Mädel, wie es aussieht? Du bist doch die Marilyn Monroe des Ostens.“ – Ein Irgendjemand-Satz, und doch sprach er mehr aus, als er wissen konnte. Etwa, dass man mit solchem Image nicht unbedingt in den haltbarsten Filmen mitspielt. Oft wollten sie nur die Naivität, die Mädchenhaftigkeit, hinter der Eva-Maria Hagen sich versteckte. Und ihre kleine hohe Stimme, mit der sie schon lange vor Biermann sang: dieses Stimmchen verbarg sie und verbarg sie nicht. Im Vergleich zur ihrer Tochter Nina wirkte sie eher leise. Dass sie trotzdem stark war, haben viele erfahren. Sie kam, sah und siegte. So war es mit Biermann. So machte sie im Westen weiter nach ihrer fristlosen „Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft“ 1977. Die DDR hätte wissen können, dass sie nie eine Chance hatte gegen Eva-Maria Hagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben