Kultur : Große Oper auf der Treppe

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Von Bernhard Schulz

Ein Gruß hier, ein Händedruck da: Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair genießt den Weg, den er durch die beinahe fertig gestellte Münchner „Pinakothek der Moderne“ bis zum improvisierten Frühstückstisch durcheilt. Am 16. September, sechs Tage vor der Bundestagswahl, will sein Ministerpräsident das Bauwerk festlich eröffnen, und Zehetmair lässt die kleine Runde von Gästen der Vorbesichtigung am vergangenen Freitag schon vorab den Stolz spüren, dass der Freistaat aus seinen Privatisierungserlösen 100 – am Ende wohl 120 – Millionen Euro allein für dieses Haus der Künste abgezweigt hat, das dritte in der Reihe der Pinakotheken, mit denen die Landeshauptstadt glänzt.

Der Vergleich mit Berlin beflügelt den Minister. In der Tat war es die Konkurrenz zur frisch erwählten Bundeshauptstadt, der Stoiber die „Offensive Zukunft Bayern“ ersinnen und gezielt auf die Kultur ausdehnen ließ. Zehetmair spricht denn auch vom kairos, dem glücklichen Augenblick, dem sich die neuen Kulturbauten des Freistaats verdankten. Mit der neuen Pinakothek – die unter ihrem Dach die Staatsgalerie moderner Kunst, die Designsammlung, die Grafische Sammlung sowie das Architekturmuseum der TU als weiterhin eigenständige Institutionen vereinen wird – steht das größte und teuerste der geförderten Vorhaben vor seiner Vollendung.

So überragend groß sieht es von außen nicht aus, was der 51-jährige Münchner Architekt Stephan Braunfels auf das Gelände der ehemaligen Türkenkaserne gestellt hat. Eine Wand von Bäumen schirmt den Betonbau weitgehend ab, noch fehlt ja auch die Platzgestaltung. So wird sich das städtebauliche Geschenk, das Braunfels mit seinem Bauwerk macht – und das ihm den Sieg im Wettbewerb von 1992 eingetragen hat –, erst von September an zeigen: die grandiose „Durchwegung“ des Gebäudes, die von der Altstadt schräg durch das rechteckige Grundstück hindurch zur Alten Pinakothek Leo von Klenzes führt, jenem 1836 eröffneten Musterbau, an dem sich die Münchner Architektur seither zu messen hat wie die Berliner an Schinkels gleichzeitig entstandenem Alten Museum.

Braunfels erweist dem – nach schweren Kriegszerstörungen einfühlsam wiederaufgebauten – Vorbild seine Reverenz, freilich im schönsten Selbstbewusstsein der eigenen Kraft. Einen lang gestreckten Rechteckkörper hat er entworfen, streng geteilt in Quadrate und diese in sich wiederum quadriert. Aber diesen Grundriss, der die schmale Längsform der Alten Pinakothek aufnimmt, lässt er im Winkel von 30 Grad von zwei spitz zulaufenden Keilen bedrängen, die auf den von außen kaum auf den ersten Blick zu erkennenden Zentralraum des Gebäudes zielen: auf eine großzügige, 32 Meter im Durchmesser und 25 Meter in der Höhe ausgreifende Rotunde. Da wird natürlich Schinkel zitiert, doch anders als die Rotunde im Alten Museum hat diejenige in München tatsächlich die Aufgabe eines zentralen, alle Besucher anziehenden und in die anliegenden Räume und Stockwerke verteilenden Verkehrsknotens.

Mitten im Gebäude gelegen, ist der runde Zentralraum so strahlend hell wie nur das Eingangsgebäude von Richard Meiers Getty Center im kalifornischen Los Angeles. München macht seinem Ruf als „nördlichster Stadt Italiens“ an diesem Vormittag alle Ehre; aber man spürt, dass auch bei bedecktem Himmel Licht in Fülle über die Seitenwände, die Stützen und hinüber auf die angrenzenden Treppen fließen wird. Und was für Treppen! Mit der Spreizung der „Keile“ wachsen sie in die Breite, zur einen Seite ins Ober- und zur anderen ins Untergeschoss führend; Treppen von verschwenderischer, sich selbst feiernder Schönheit.

Treppen gibt es viele: So verbergen sich in der doppelwandigen Rotunde weitere Aufgänge wie in Brunelleschis Florentiner Domkuppel. Das ganze Haus ist in Bewegung. Aber kein Gedanke an die Selbstverliebtheit des Guggenheim-Museums von Frank Gehry! Beinahe unwirsch betont Braunfels, sein Haus sei „der Gegenentwurf zu Bilbao – hier ist alles geometrisch gebunden, auf Kreis und Quadrat aufgebaut“. Erst am Ende einer gut zweistündigen Führung durchs Haus gibt sich der Architekt gelassen: „Bei einem solch großen Museum braucht’s auch ein bisschen ,große Oper’!“ Dass die „Oper“ aber, anders als bei Gehry, nirgends Selbstszweck wird, zeigt sich am Restraum unterhalb der Abwärtstreppe: Aus ihm ist ein Vortragssaal mit 150 Plätzen geworden, dessen zwangsläufig abfallende Decke das Gefälle eines Auditoriums ideal abbildet.

Drei Hauptgeschosse weist das Bauwerk auf. Das untere liegt unter Geländeniveau. Ein Drittel des gewaltigen Volumens hat Braunfels in die Erde graben lassen, um in der Höhe unter der Alten Pinakothek zu bleiben. Nicht weniger als die dreifache Fläche des Klenze-Baus weist das Raumprogramm mit rund 22 000 Quadratmetern Geschossfläche, davon 12 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche aus, denen Braunfels großzügige, aber durchaus nicht vom Museumsbesuch ablenkende Verkehrsflächen zugegfügt hat.

Von „Verkehr“ wird künftig mit Fug und Recht zu sprechen sein, soll doch der diagonale Weg durchs Haus allen Passanten offen stehen. Von der Rotunde aus fällt die Orientierung für die Museumsbesucher leicht: geradewegs in die nebeneinander liegenden Räume von Grafischer Sammlung und Architekturmuseum – die sich nach Bedarf einen mittig angeordneten Wechselausstellungsraum teilen –, die eine Treppe hinab in die Neue Sammlung mit seinen Design- und Gebrauchsobjekten und schließlich die andere Treppe hinauf ins Obergeschoss, das mit seinen 36 Sälen ganz der Staatsgalerie moderner Kunst vorbehalten ist.

Mag der Besucher bis zur Rotunde womöglich architektonische Selbstdarstellung vermuten – hier oben wird er eines Besseren belehrt. Solch’ herrliche Säle kann kaum einer der zahllosen Museumsbauten der zurückliegenden Jahrzehnte bieten: Von blendfreien gläsernen Kassettendecken überdacht, werden sie allein von Tageslicht ausgeleuchtet. Nicht ein einziger Scheinwerfer ist zu sehen, und Reinhold Baumstark, als Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen oberster Hausherr, schwärmt von dem „geradezu verschwenderischen Umgang mit Licht“, ja von einer „Kathedrale des Lichts“.

Auch da liegt der Bezug zu Klenze natürlich nahe, dessen Pinakothek bis heute wegen ihrer genialen Oberlichtführung gerühmt wird. Auch Braunfels’ Bau gestattet natürlich Kunstlicht, das oberhalb der Kassettendecken bei Bedarf zugemischt werden kann. Die Säle selbst sind schmucklos bis zur Kargheit: keine Leisten, keine Sockel gliedern die Wände; die Belüftung ist unter abgesenkten Gitterrosten am Rand des Bodens verborgen; die Türstürze sind bis zur Decke hochgezogen, um die Wandflächen zur Gänze rechteckig zu halten. Keine Hängeleisten, keine Schnüre stören den Blick, alle Bilder sind direkt auf den Wänden angebracht.

Hier soll erkennbar nicht dauernd ausgetauscht und umgehängt werden. Die Klassische Moderne, allen voran eine exquisite Max-Beckmann-Auswahl, ist bereits zu sehen – hier tritt nach der Qualität der Bestände ein strahlender Konkurrent der Berliner Nationalgalerie oder der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen auf. Man kannte die Werke, gewiss – aber wie sie sich jetzt zeigen können, hat man sie noch nie gesehen. München hat vom Schicksal profitiert. Zahlreiche Schenkungen sind den Institutionen der Stadt zugefallen, weil Sammler und Spender nach dem Krieg ins Bayerische gezogen sind, die zuvor anderswo in Deutschland gelebt hatten und nicht zuletzt in Berlin. Jetzt endlich kann sich München dieser geschichtlichen Gunst würdig erweisen.

Anders als Klenze – und vor ihm bereits John Soane 1817 in Dulwich bei London – mit seiner strengen Reihung der Säle gestattet die Pinakothek der Moderne individuelle Rundgänge. Die Gemäldesäle sind teils zentral, teils über Eck erschlossen. Über Eck stoßen vier Säle aufeinander, der Kreuzungspunkt wird durch einen Vierkantpfeiler markiert. Alle Stützen, die dem geometrischen Raster folgen, sind als solche Vierkantpfeiler ausgeführt, nur die frei angeordneten Stützen sind jene schlanken Rundpfeiler, die man von Braunfels’ Berliner Bundestagsbauten kennt. Sie finden sich in München im Bereich der grandiosen Treppen, aber natürlich auch am Gebäudeäußeren im Bereich der Eingänge, wo sie wiederum auskragende Betondächer tragen.

Sind Klenze und Schinkel die Alten Meister schlechthin, an denen sich jeder Museumsbaumeister zu messen hat, fällt hier die Auseinandersetzung mit Axel Schultes’ Bonner Kunstmuseum von 1992 ins Auge. Der große Auftritt, die Rotunde, die zahlreichen, unterschiedlichen Treppen, die Kassettendecken über den Tageslichtsälen, deren Erschließung fallweise über Eck – alles in Bonn zu studieren; freilich dann bei Braunfels so ganz anders im Ergebnis. Der Münchner Architekt hat das – seinerseits aus dem historischen Fundus stammende – Repertoire aufgegriffen, verwandelt und gewissermaßen klassisch gebändigt, als wollte er zeigen, dass strenge Ordnung und freie Fantasie keine Gegensätze sind, sondern sich im geglückten Einzelfall aufs Beste ergänzen. Die Münchner Pinakothek der Moderne ist ein solch rarer Glücksfall. Sie wird, wenn sie im September öffnet und das ganze Spektrum der Sammlungen zur Kunst und Gestaltung des 20. Jahrhunderts vorführen kann, als ein architektonisches Meisterwerk eben dieses zu Ende gegangenen Jahrhunderts zu feiern sein.

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