Kultur : Große Schlachten, kleine Gesten

Sie diente sieben Intendanten und war die Seele der Deutschen Oper. Jetzt geht Dolly Hauns in den Ruhestand. Eine Hommage.

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Geduld und Hingabe. Dolly Hauns in ihrer Heimat: der Deutschen Oper.
Geduld und Hingabe. Dolly Hauns in ihrer Heimat: der Deutschen Oper.Foto: Peter Langer

Es gibt ja verschiedene Gründe, warum Menschen, die auf Zahnarztstühlen sitzen, plötzlich der Fluchtreflex packt. Im Fall von Dolly Hauns lag es an den bohrenden Fragen des Dentisten. Was dieser Hans Neuenfels sich denn bei seiner Inszenierung von Verdis „La forza del destino“ überhaupt gedacht habe? Wer denn diesen modernistischen Zinnober brauche? Ob Oper nicht bitte schön so gespielt werden können, wie der Komponist dies vorgeschrieben habe?

Gemecker über den verehrten Herrn Neuenfels hört Frau Hauns nicht gerne. Und Fundamentalkritik an der Deutschen Oper erst recht nicht. Keine Mitarbeiterin steht so sehr für das West-Berliner Musiktheater wie sie. Die zierliche Frau mit der rosaroten Strähne im kunstvoll frisierten Haar ist die gute Seele des Hauses, die Treueste der Treuen. Seit 1972. Davon saß sie 36 Jahre im Vorzimmer des Generalintendanten, sieben verschiedenen Chefs hat sie gedient, mal unter dem Titel „persönliche Referentin“, mal als „Büroleiterin“. Aber immer mit bedingungsloser Hingabe. Ohne Dolly Hauns bricht die Deutsche Oper zusammen, dachte man bisher. Jetzt aber geht sie in den Ruhestand, jetzt muss es ohne sie weitergehen.

Eigentlich heißt sie ja Dora. Ihren Spitznamen allerdings bekam sie schon in frühen Kindertagen, wie auch ihre Schwester Elisabeth. Weil die Verwandten aus den USA die Care-Pakete stets an Dolly und Betty adressierten. Nach dem Abschluss der höheren Handelsschule in Baden-Baden wird das dortige Sinfonieorchester ihr erster Arbeitgeber. Der Sekretärinnenjob gefällt ihr, doch sie will raus aus der Kleinstadt, am liebsten nach Berlin. Auf eine Initiativbewerbung kommt tatsächlich ein Telegramm der Deutschen Oper zurück, mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch. Als Assistentin des damaligen Dramaturgen Claus Henneberg fängt Dolly Hauns an, bald wird ihre Schreibbegabung entdeckt, die Aufgaben wachsen – bis Intendant Siegfried Palm sie von einem Tag auf den anderen in sein Vorzimmer versetzt. „Ich wurde da geradezu reingeschmissen", sagt sie rückblickend, „ganz ohne Einarbeitungszeit.“

Obwohl sich Dolly Hauns bewährt, soll sie 1981 ins Büro des Generalmusikdirektors wechseln, weil der neue Chef des Hauses, Götz Friedrich, seine eigene Sekretärin mitgebracht hat. „Vier Wochen nach Amtsantritt aber stand er bei mir im Zimmer und wollte mich zurückholen.“ Sie folgt ihm, wird seine rechte Hand – und sein Ohr, rund um die Uhr empfänglich für die Aufträge des Kette rauchenden Workaholic. „Ach, ist es schon wieder so weit?“, pflegte er zu fragen – und in seiner Stimme schwang Entrüstung mit –, wenn sich Dolly Hauns zum wöchentlichen Friseurtermin verabschiedete. Doch diese eine Stunde alle sieben Tage, die hat sie sich immer gegönnt, bei aller Liebe.

Wenn Friedrich auswärts inszeniert, ruft er schon frühmorgens an, will wissen, was in den Zeitungen steht, welche Post angekommen ist. Dann klingelt er in jeder Probenpause wieder durch – und am liebsten gegen Mitternacht noch einmal, nur um zu hören, dass in Berlin der Betrieb tatsächlich weiterläuft – ganz ohne ihn.

Was so eine Intendanzbüroleiterin alles machen muss! Da ist die Künstlerbetreuung, da gilt es die Termine und Reisen des Chefs zu organisieren, da müssen Protokoll-Angelegenheiten geklärt, Verträge unterschriftsreif gemacht werden, da reicht die Dramaturgie ihr Korrekturfahnen herein. „Wir haben in den achtziger Jahren 320 Aufführungen pro Jahr gespielt – und alles ohne Computer!“ Reden zu diversen Gelegenheiten wollen geschrieben werden, „auch an Götz Friedrichs Büchern habe ich viel mitgearbeitet“. Nebenbei macht Dolly Hauns die Buchhaltung für den Freundeskreis. Und natürlich ist sie bei allen Gastspielen dabei, in den USA, in Japan, Korea, später dann auch in China. Wie viele Tonnen Material mag sie in den Jahren verpackt, verschifft und wieder ausgepackt haben? „Und wenn man abends nach der Vorstellung müde ins Hotelzimmer kam, dann waren da diese zahllosen Faxe, die auf Endlospapier aus dem Gerät quollen ...“

Jeder, der sich beim Intendanten über irgendetwas beschweren will, landet bei Dolly Hauns. Briefe, E-Mails, Anrufe: Die Toiletten sind nicht sauber genug, diese Sopranistin zu dick, jene zu alt. Kaum zu glauben, worüber die Leute alles meckern. Mit Engelsgeduld hat sie tausende beschwichtigende Antworten verfasst – und sie entdeckte den Trick, mit dem man die ganz besonders penetranten Querulanten auflaufen lassen kann. Den will sie aber nur ihrer Nachfolgerin Miriam Konert verraten.

Das Chefsekretärinnenzimmer der Deutschen Oper ist kaum mehr als ein Kabuff, eingeklemmt zwischen dem Konferenzraum und dem Intendantenbüro, ein Schlauch, eng wie die Standard-Kinderzimmer in Sozialbauwohnungen. Darum landete Rudolf Nurejew auch direkt auf ihrem Schreibtisch, als er wutentbrannt hereinstürmte. Noch bevor der legendäre Tänzer die übliche „So-kann- ich-nicht-arbeiten“-Divennummer abziehen konnte, machte ihm Dolly Hauns ein Kompliment für den tollen Sprung. Da musste er lächeln, sprang wieder auf den Boden, murmelte etwas auf Russisch und machte sich auf den Weg zurück zur Probebühne.

Tausende solcher Anekdoten könnte Dolly Hauns erzählen. Macht sie aber nicht. Denn zu den Schlüsselqualifikationen einer Vorzimmerdame zählt nun einmal die Diskretion. Und die Unparteilichkeit, wenn es mal zwischen den männlichen Alphatieren kracht. Auf Augenhöhe konnte Götz Friedrich Dirigenten nur schwer ertragen, das bekam Giuseppe Sinopoli ebenso zu spüren wie Christian Thielemann.

„Was sie unbedingt schreiben müssen“, erklärt Dolly Hauns mit Nachdruck, „ist, dass es hier ein wirklich gutes Betriebsklima gibt. Hier kann sich jeder auf jeden verlassen, hier gibt es kein Getuschel hinterm Rücken der anderen. Wir sind wirklich ein Ensemble.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Grabenkämpfe hätte ich bei der Arbeitsbelastung aber auch nicht ausgehalten.“

Rund 100 Aufführungen hat sie durchschnittlich pro Spielzeit gesehen, von ihrem Stammplatz in der letzten Reihe der Intendanzloge aus, oft wechselte sie direkt vom Bürostuhl auf den Zuschauersessel. Ja, sie war mit diesem Haus verheiratet. „Aber es gibt keine Scheidung.“ Beim Sommerfest zum Saisonende haben die Kollegen sie mit der Ernennung zum Ehrenmitglied überrascht. Überreicht wurde die Urkunde von André Schmitz, heute Kulturstaatssekretär, von 1997 bis 2001 an der Deutschen Oper, erst als Geschäftsführender Direktor, nach dem Tod von Götz Friedrich als Interimsintendant. „Mit dem habe ich ja auch einige Schlachten geschlagen“, sagt Dolly Hauns, und dabei scheint ein Lächeln über ihre Stimmbänder zu huschen.

Im autobiografischem „Bastardbuch“ des verehrten Hans Neuenfels übrigens spielt sie eine kleine, aber wegweisende Nebenrolle. Kurz nach Kirsten Harms’ Amtsantritt kommt der stilprägende Regisseur der Friedrich-Ära ins Intendantenzimmer: „Kein Kühlschrank mehr, keine durchgewetzten Sessel, kein Aschenbecher. ,Was meinen Sie, Dolly, soll ich mich der Dame nicht einmal vorstellen? Ich würde hier gerne …’ Dolly Hauns unterbrach mich nicht, sie verließ das Zimmer. „Ich danke Ihnen“, sagte ich, „ich weiß jetzt Bescheid.“ Sie nickte und schwieg. Ich hatte keine Lust, in die Kantine zu gehen.“

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