Kultur : Große Steine, kleine Steine

Ein monumentales Buch bilanziert das staatliche Bauen in Deutschland

Bernhard Schulz

Das größte Bauvorhaben des Bundes in Berlin steht noch aus: der Neubau der BND-Zentrale in der Chausseestraße für 720 Millionen Euro. Das ist mehr, als der Wiederaufbau des Stadtschlosses in der ursprünglichen Planung kosten sollte: ein Bauwerk, dem, weil noch nicht im Detail beschlossen, die Aufnahme in die monumentale Übersicht „Chronik Bau und Raum. Geschichte und Vorgeschichte des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung“ (BBR) versagt blieb.

Lang ist die Geschichte des öffentlichen Bauens in Preußen, dem Deutschen Reich und der Bundesrepublik Deutschland: 200 Jahre umfasst das 500-Seiten-Buch von Andreas Kübler, mittlerweile Sprecher des BBR. Wer eine lammfromme Institutionengeschichte befürchtete, wird aufs angenehmste überrascht. Randvoll ist das Buch mit fallweise höchst kritischen und reichhaltig illustrierten Informationen gespickt.

Heute Abend wird das Buch in Berlin von Michael Cullen vorgestellt, dem Historiografen des Reichstags – eines der größten Bauten in der Geschichte des BBR und seiner Vorgängerinstitution, der Bundesbaudirektion. Zweimal wurde der Reichstag saniert und umgebaut: von 1957 bis 1962 in mehr symbolischer Weise, und dann, fertiggestellt 1999, als Sitz des Bundestags im wiedervereinten Deutschland. Dass Kübler die Tätigkeit der eigens gegründeten Bundesbaugesellschaft, die für Axel Schultes’ „Band des Bundes“ zuständig war, nur kursorisch abhandelt, wirkt ein wenig kleinmütig. Kleine Boshaftigkeiten verstecken sich auch in den Grafiken: So hat das BBR für seine Berliner Bauten von 1991 bis 2002 bei 227 000 Quadratmetern Nutzfläche eine Einsparung von 16 Millionen Mark vorzuweisen – die Bundesbaugesellschaft bei 147000 Quadratmetern jedoch ein Minus von 468 Millionen Mark. Was davon zulasten der Abgeordneten geht, die mit immer neuen Nachforderungen bei der Ausgestaltung aufwarteten, steht auf einem anderen Blatt.

Am spannendsten lesen sich die Kapitel über die Bonner und die Berliner Republik sowie den Paradigmenwechsel, der sich abzeichnete, als das Bonner Provisorium auf eine dauerhafte Grundlage gestellt werden sollte. Es wurde ein Desaster: Das zum Staatsgästehaus umfunktionierte Hotel Petersberg geriet zum finanziellen Fiasko; der Neubau des Bundestagsplenarsaals war schon bei seiner Einweihung 1992 ein Anachronismus. Und dann machte auch noch das Rheinhochwasser Joachim Schürmanns Neubau der Abgeordnetenbüros den Garaus. Entnervt ging der damalige Präsident der Bundesbaudirektion vorzeitig in Rente.

Kübler überlässt das Urteil einer Dritten. Ingeborg Flagge, früher Direktorin des Frankfurter Architekturmuseums, schrieb 1992, dass „in Bonn in vier Jahrzehnten nichts Aufregendes und Einmaliges entstanden“ sei. In 40 Jahren habe der Bauherr Bund kein architektonisches Konzept entwickelt. Was für ein Glück für Berlin, möchte man sagen. Und gut für die Stadt am Rhein, dass die von Kanzler Kohl fast im Alleingang durchgedrückten Bonner Kulturbauten der Bundeskunsthalle und des Hauses der Geschichte dann doch zu Selbstläufern mit Millionenpotenzial gewachsen sind.

Auch in Berlin konzentriert sich die Bautätigkeit der BBR mittlerweile auf den Kulturbereich. Im Mittelpunkt stehen die Museumsinsel und die Staatsbibliothek Unter den Linden, das Schloss samt Humboldt-Forum (siehe S. 7) wird hinzukommen. Dabei berücksichtigt Kübler auch die mit dem Umzug in die Hauptstadt einhergehende Veränderung der Tätigkeitsstruktur. So befürwortete die frühere Präsidentin Barbara Jakubeit die stärkere Einbindung von Freischaffenden, kritisierte aber, dass die Baubeamten „nur noch Baumanagement und Bauunterhalt betreiben sollten“.

Darüber ließe sich streiten. „Von der Bundesbaudirektion entworfen“ galt lange als Spottwort. Dabei sind Raumgestaltungen wie in Schloss Bellevue, dem 1959 bezogenen Amtssitz des Bundespräsidenten, heute denkmalwürdig, gleichzeitig gab es bereits früher herausragende Architektenleistungen von außerhalb. Man denke nur an Egon Eiermanns vielfach prämiertes Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Washington (1966) oder die wohnliche Botschaft in Brasilia von Hans Scharoun, fertiggestellt 1971.

Die Bundesrepublik sprach nie von grand projets wie Frankreichs Republikaner-König Mitterrand. Und doch sind einige entstanden. Dass sich das BBR mit diesem Buch auch seiner verbrecherischen Geschichte stellt – Albert Speer forderte im März 1941 eine Übersicht von 43 144 abgerissenen oder nach abzureißenden Wohnungen für sein megalomane Nord-Süd-Achse an –, gereicht dem Amt zur Ehre. Ein Gesamturteil über die Staatsarchitektur der letzten 200 Jahre verbietet sich angesichts der Wechselfälle der deutschen Geschichte. Dass jetzt aber über all die architekturkritischen Publikationen hinaus eine solide, materialgesättigte Bilanz vorliegt, ist ein Gewinn. Man wird dieses Quellenwerk noch oft zur Hand nehmen.

Andreas Kübler: Chronik Bau und Raum. Geschichte und Vorgeschichte des Bundesamtes für Bau- und Raumwesen. Tübingen/Berlin: Ernst Wasmuth Verlag, 2007. 485 Seiten, 39,90 €.

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