Kultur : Großer Bahnhof der Gefühle

Taveners siebenstündiges Chorwerk in Berlin

Carsten Niemann

Einst waren Ritual und Kunstmusik eins, doch heute kriselt ihre Ehe. Wer nur über eine lockere oder gar keine religiöse Bindung verfügt, ist darüber heimatlos geworden. Denn weder traditionelle Konzertbesuche noch ein Zaungastdasein bei musikalischen Gottesdiensten sind Kronen des Rituals. Kein Wunder, dass die Besucher strömen, wenn ihnen eine echte Alternative geboten wird. Dies war in der Pfingstnacht im Hamburger Bahnhof der Fall. Der Rundfunkchor Berlin zelebrierte mit den Ensembles Cantus Domus, Ensemberlino Vocale, dem Berliner Mädchenchor und dem Collegium Musicum von FU und TU die nächtliche Vigil „The Veil of the Tempel“ von Sir John Tavener.

Es war eine glückliche Entscheidung, das 2003 geschriebene und seitdem erst zwei Mal in voller Länge gespielte Werk im Kunsttempel an der Invalidenstraße aufzuführen. Mit seinem lichten dreischiffigen Hauptsaal und der abgetrennten Eingangshalle, die für geisterhafte Fernchorwirkungen wie geschaffenen ist, bietet das Museum ideale akustische Verhältnisse für die ständig wechselnden Choraufstellungen. Der aus presbyterianischem Elternhaus stammende Komponist, der auch malder russisch-orthodoxen Kirche angehörte, ist musikalisch wie spirituell ein eklektischer Sinnsucher. Tavener lässt seine Musik, die vielfältigsten Einflüsse, vom tibetanischen Tempelgongs bis zum spätromantischen englischen Chorsatz zitieren, in sieben gleich gebauten Zyklen kreisen, die unmerklich länger, intensiver und komplexer werden. Die Texte basieren auf christlicher Tradition, der achte Zyklus jedoch, der zum Sonnenaufgang einsetzt, durchbricht das Schema: In der Klimax lässt Tavener die Offenbarung des Johannes auf jenen brahmanischen Kernsatz treffen, nach dem die Weltseele das Selbst des Individuums ist. Worauf eine Prozession Interpreten wie Zuhörer ins Freie führt.

Taveners Verteidigung des Glaubens gegen die Religion, die als oratorisches Mammutwerk eine Zumutung wäre, funktioniert als Ritual prächtig. Mag es auch ein eklektizistischer Patchworkglaube sein, der hier gefeiert wird, so ist er doch wenigstens nicht bigott. Rogier Hardemans sparsamer Inszenierungszutaten bedarf die Feier eigentlich nicht: Wie manche Komponisten Theaterblut besitzen, so hat Tavener ein untrügliches Gespür für effektvolle Liturgie: Nach drei Zyklen haben die Zuhörer die Struktur des Werks verinnerlicht, ruhig und selbstverständlich klinken sie sich für ein paar Abschnitte des Werks ein, um sich dann wieder in die Ausstellungsräume oder das Café zu verabschieden. Es ist nicht allein die Gelegenheit zum Meditieren über die Operationsbestecke der Schmerz-Austellung welche die Aufführung davor bewahrt, in esoterischen Kitsch abzugleiten. Was ebenso überzeugt, ist die pure handwerkliche Qualität der Musik, ihre strenge Ökonomie und die geschickte Dramaturgie, mit der Tavener immens vielfältige Vokalklänge über die Nacht disponiert. Ein nur zwischen drei und vier Uhr in der Intonation schwächelndes Riesenensemble und das inspirierte Dirigat eines buchstäblich nimmermüden Simon Halsey sind der Lohn. Carsten Niemann

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