Kultur : Großer Vogel, große Fische

Leichtigkeit und Bieterfreude: Die 150. Auktion in der Villa Grisebach

Michaela Nolte

Gespannte Ruhe herrschte im übervollen Saal der Villa Grisebach, als Peter Graf zu Eltz am Pult August Mackes „Frau mit Papagei in einer Landschaft“ ankündigte, das Spitzenlos der exklusiven Abendauktion. Christoph Stölzl hatte dem Gemälde im Vorfeld einen eigenen, höchst launigen Vortragsabend gewidmet, dessen „Schicksals-Sinn“ quasi nur von der Rückseite zu verstehen sei: „Aug. Macke 1914“ steht da. Eine auffällige Signatur in „lakonischer Unerbittlichkeit einer Grabinschrift“, so Stölzl. Zwei Monate nach der Entstehung des Gemäldes starb Macke 27-jährig im Ersten Weltkrieg.

Das in magischen Farben und einer faszinierend modernen Raumauffassung komponierte Bild scheint am Vorabend des Ersten Weltkriegs noch von einer tiefen Sehnsucht nach paradiesischer Harmonie zu künden. Fast siebzig Jahre lang befand es sich in einer süddeutschen Privatsammlung. Glücklich nun der deutsche Privatsammler, der den Zuschlag bei 2 Millionen Euro (ohne Aufgeld) bekam. Das trifft die Erwartung zwar nicht, doch für eine knapp 50 auf 60 Zentimeter messende Leinwand kein schlechter Preis.

Von 99 Preziosen geht Carl Eduard Biermanns „Borsigs Maschinenbau-Anstalt zu Berlin" von 1847, das lange Zeit als Dauerleihgabe im Stadtmuseum Berlin hing, nun für 245 000 Euro in den deutschen Handel. Georg Tapperts auf 300 000 Euro geschätzte „Geisha-Revue“ avancierte zu einem weiteren Highlight. Der in Auktionskreisen allseits bekannte Agent eines griechischen Großsammlers hätte Tapperts farbgewaltiger Varieté-Szene von 1913, fast die Schau gestohlen. Mit großer Geste und allerlei Kommentaren sorgte er im Publikum für viel Heiterkeit. Als aber bei einer Summe von 372 000 nachhaltig ein Bieten in 500-er-Schritten gefragt war, verlor selbst der stets distinguierte Graf ein wenig die Contenance und fragte den agilen Herrn, ob er nun rückwärts bieten wolle? Am Ende musste der Entertainer bis 610 000 Euro durchhalten, um Tapperts impulsives Großformat für seinen Auftraggeber zu sichern. Beim Applaus verbeugte er sich – doch der galt wohl einem neuen Weltrekordpreis für den Expressionisten.

Mit Werken wie Max Liebermann kleinen „Birken am Wannseeufer nach Osten“, die ihre Schätzung bei 420 000 Euro mühelos überwanden oder Kirchners Spätwerk „Bauer, eine Schubkarre ziehend“, dessen kühne Blau- und Violetttöne einem Schweizer Privatmann 600 000 Euro wert waren, konnte die Villa Grisebach ihre Position im Bereich der Klassischen Moderne untermauern. Eine erstaunliche Leichtigkeit und Bieterfreude bestimmte die 150. Auktion, die kaum einen Rückgang hatte.

Bereits am Donnerstag kamen rund 300 Fotografien, die ein anonym bleibender europäischer Sammler in knapp zehn Jahren zusammengetragen hatte, in der Sonderauktion „Wahlverwandtschaften“ zum Aufruf. „The big fish eats the little one“ hieß eine Fotografie von Manuel Alvarez Bravo. Geangelt hat sie sich ein großer Fisch des deutschen Fotografiehandels zur unteren Taxe von 15 000 Euro, der auch sonst auf großem Fischzug war, ob es sich um einen der zahlreichen anonymen Fotografen drehte oder um Frantisek Drtikols „Akt“ von 1925, der als Vintageprint gleichauf geschätzt war.

Sympathisch war der Sammler-Ansatz mit seinen subjektiven Analogien und sinnfällligen oder kuriosen Bildpaaren, von dem nunmehr nur noch der liebevoll und aufwändig gestaltete Katalog Zeugnis ablegt. Im Moment des Auseinanderfallens einer Sammlung kann jedoch nur noch das Einzelbild bestehen. Mit entsprechend kritischem Blick quittierte der Saal denn auch die heterogene Qualität. Es muss nicht immer ein Vintage sein. Aber Kleinigkeiten großer Namen wie Bernd und Hilla Becher, William Eggleston oder Stephen Shore wurden ebenso selektiv aufgenommen wie das Vernachlässigen der „Schicksalsgrenze Vintage“ (Stölzl).

Im Frühjahr hatte die Villa Grisebach den höchsten Preis für eine Fotografie auf dem deutschen Auktionsmarkt vermeldet: 81 000 Euro (netto) für Dieter Blums „Rauchenden Mann“. Mit Edward Westons „Chinese Cabbage“ hegte man nun berechtigte Hoffnung, die eigene Bestmarke zu erhöhen. Für den eindrucksvollen Kohlkopf bewilligte ein Berliner Händler die erhofften 85 000 Euro. Auf über 16,5 Millionen Euro belief sich das Schätzvolumen, das bereits mit der Photographie und den „Ausgewählten Werken“ übertroffen wurde. Heute kommen noch einmal knapp 1000 Lose unter den Hammer.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25; heute ab 10 Uhr, Auktion „Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts“, ab 15 Uhr „Third Floor – Schätzwerte bis 3000 Euro“.

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