Kultur : Großes Dunkel

Gemälde von Michael Kunze in der Galerie Coma

Jens Hinrichsen

Der Philosoph ist der Protagonist dieser Bilder: Martin Heidegger, wie Michael Kunze ihn malt, spricht mit raumgreifenden Gebärden, ringt mit den Worten, einmal wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Bei seinen Gesprächspartnern regt sich wenig. Rudolf Augstein blättert eher teilnahmslos in Folianten herum, sein Co-Interviewer blickt durch dicke Brillengläser starr geradeaus.

1967 fand das legendäre „Spiegel“-Gespräch mit Heidegger statt; fünf malerische Variationen dieser Szene präsentiert der 1961 in München geborene Michael Kunze in der Galerie Coma. Dazu gesellen sich zarte Bleistiftzeichnungen, Gemälde nach einer dänischen Fernsehserie und ein halbes Dutzend Riesenformate ohne menschliche Akteure. Kunst, die mit einem Mal – nach langer Latenzzeit – sehr gefragt ist: So hat ein Privatsammler einen Großteil der Werke gekauft.

Mit seinen Zyklen will Kunze hoch hinaus. „Was ist Metaphysik?“ schwebt als Leitfrage über allen Werken. Was die Königsdisziplin der Philosophie heute gilt, beantwortet sich vergleichsweise leicht: wenig. Mit Wissenschaft und Demokratie sei metaphysisches Denken unvereinbar, meinen viele. Michael Kunze malt gegen diese Auffassung an. Bewusst polemisiert er dazu in Texten gegen den „Proletarisierungsprozess sämtlicher kultureller Bereiche“ – und streitet dafür, das „Projekt der abendländischen Metaphysik“ zu retten, das allmählich vergessen werde.

Kunzes Diagnose ist stimmig, auch wenn man ihm in der negativen Bewertung zeitgenössischer Kultur nicht folgen muss. Sein ästhetisches Programm ließe sich dennoch als Donquichotterie abtun, wenn der Mann nicht so virtuos malen würde. Fesselnd allein die atmosphärische, überhaupt nicht detailkrämerische Darstellung des Heidegger-Augstein-Diskurses im Halbdämmer einer Bibliothek . Die Bücher und Schreibutensilien auf dem Arbeitstisch des Philosophen konfrontiert Kunze mit abstrakten, sich emporschraubenden Gewächsen, wie sie nur passionierte Malerei hervorbringt.

Auf 18 Gemälden nach Lars von Triers TV-Mehrteiler „Hospital der Geister“ verschwimmen die Konturen des Gegenständlichen noch stärker, fressen sich schwarze Löcher in den Klinikalltag, fransen die Gesichter von Ärzten und Patienten ins Psychedelische aus: Das Übersinnliche als furioses Malspektaktel – auch das kann Metaphysik sein. Heidegger selbst schätzte die Möglichkeiten bildender Kunst übrigens eher gering ein – auch das war Gegenstand des „Spiegel“-Gesprächs: „Ich möchte aber feststellen, dass ich das Wegweisende der modernen Kunst nicht sehe, zumal dunkel bleibt, worin sie das Eigenste der Kunst erblickt oder wenigstens sucht.“ Vielleicht bringt Michael Kunze ja Licht in die Sache. Jens Hinrichsen

Galerie Coma, Leipziger Straße 36; bis 22. September, Die-Sbd 11-18 Uhr.

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