Kultur : Großes Solo

Richter und Dichter: Herbert Rosendorfer zum 70.

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Herbert Rosendorfer reist nicht wie jeder gute Bayer im Winter in den Skiurlaub. Er vermag auch seine Mitmenschen nicht so nachlässig zu lieben, dass es mit ihnen gut auszuhalten wäre. Rosendorfer war Richter und fuhr immer wieder aus der Robe. Er entfaltete eine ungeheure Produktivität, die in den letzten dreißig Jahren nur Einsiedlern entgangen sein dürfte. Romane und Erzählungen, Drehbücher für Fernsehkrimis, Filme, Hörspiele, Theaterstücke und einiges mehr entsprangen seinem Füllhorn. Sogar zwei Opern verfasste Rosendorfer. Ist es Zufall, dass im Mittelpunkt der mehr als 60 Bücher oft Einsame stehen, Einzelgänger, Isolierte, letzte Überlebende der Menschheit – Einsiedler also? Wohl kaum. Paradoxien dieser Art sind nicht zufällig.

„Richter und Dichter“ hat man Herbert Rosendorfer genannt. Mit der Kunst hatte er freilich angefangen nach Kindheit und Jugend in Bozen, München und Kitzbühel: Ein Jahr studierte er Bühnenbildnerei, danach Jura. Nach einer Station in Bayreuth, die eine heftige Abscheu gegen das dortige WagnerFestival hinterließ, arbeitete Rosendorfer als Amtsrichter in München, bis er 1993 an das Oberlandesgericht in Naumburg berufen wurde. Im äußerlich ruhigen Werdegang fällt ein Urteil von 1984 auf: Einen Kläger, der nach einem Unfall Schadensersatz für entgangene Skifreuden erstreiten wollte, beschied Rosendorfer abschlägig – sei er doch großen Gefahren entgangen. Schwer zu sagen, wer da lauter wieherte: der Idiosynkratiker oder der Amtsschimmel.

Zuweilen diebische Freude muss Rosendorfer bei seiner außerdienstlichen Prosa empfunden haben. Zu den Absurditäten der 1953 vom Neunzehnjährigen verfassten Erzählung „Die Glasglocke“ treten in den folgenden Jahren groteske und fantastische Elemente. In den als „neuer fantastischer Realismus“ gelobten Romanen „Der Ruinenbaumeister“ (1969) und „Großes Solo für Anton“ (1976) sorgen Katastrophen für die Isolation der Erzähler: Anton ist gar der letzte Mensch im ausgestorbenen München, wo er sich prächtig mit einem gewitzten Hasen unterhält. Später muss die Menschheit nicht mehr untergehen. Rosendorfer genügen kleinere Verheerungen wie ein andauerndes Schweigen oder eine ungewollte SPD-Mitgliedschaft im CSU-Staat, um seine humoresken, burlesken und satirischen Erzählmittel recht unterhaltsam Amok laufen zu lassen. In letzter Zeit ist es ein wenig ruhiger um ihn geworden. Er wird es genießen. Herbert Rosendorfer wird heute 70.pla

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