Kultur : "Großmacht Ungarn" ist das Thema der 51. Frankfurter Buchmesse

Gregor Dotzauer

Nicht nur die alljährliche Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit drei Hammerschlägen ist ein festes Ritual. Auch die Reden, die aus diesem Anlass gehalten werden, sind es für gewöhnlich. So war die Feierstunde zur 51. Frankfurter Buchmesse am frühen Dienstag Abend erwartungsgemäß eine Stunde der Pflichtredner und Lobbyisten - bis Péter Esterhazy die Bühne erklomm und eine anspielungsreiche deutsch-ungarische Performance zum diesjährigen Schwerpunktthema bot: eindrucksvolle Demonstration einer Behauptung, die aus dem Mund des Schriftstellers fast wieder ironisch klang: "Ungarn ist eine literarische Großmacht, nur seine Sprache ist ein Kerker."

Alle übrigen Reden verblassten gegenüber Esterhazys verschmitztem Humor. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth sprach sich für den Messestandort Frankfurt und die Buchpreisbindung aus und erging sich in kulturkritischen Allgemeinplätzen, denen sie dadurch die letzte Spitze nahm, dass ihre Zeugen namenlos blieben. Da war von einem "Verleger eines der wichtigsten deutschen Verlage" die Rede, der sich angeblich über die schlechten Zeiten für "gute Bücher" beklagt hat, und von einem "in Frankfurt lebenden Verleger", der tatsächlich behauptet haben soll, dass Mut zum Risiko sich lohnen könne.

Demgegenüber war die Ansprache des Staatsministers für Kultur, Michael Naumann, ein regelrechtes Glanzstück. Naumann äußerte sich zum "embarass de richesse" auf dem Büchermarkt. Er hielt ein Plädoyer für die Literatur als Bestandteil kultureller Bildung und schlug - auch im Hinblick auf Ungarn, dem er für seine Leistungen bei der deutschen Wiedervereinigung dankte - den Bogen zu ihrer politischen Rolle: "Dichtung ergreift nicht Partei, es sei denn für Phantasie und Wahrheit, für Vernunft und Menschlichkeit." Weiterhin sprach er sich dafür aus, die Rolle des Internet-Buchhandels ernst zu nehmen. Er erklärte, dass es in der Informationsgesellschaft des nächsten Jahrhunderts darauf ankommen werde, das "urheberrechtliche Schutzniveau" auf den Daten-Highways anzuheben: "Ich halte die Harmonisierung des Urheberrechts auf europäischer Ebene für eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung qualitativ hochwertiger neuer Publikationsstrukturen." Zuletzt bekannte er noch einmal seine Freude über die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Günter Grass, der auch einem großen Gesellschaftskritiker unserer Zeit gegolten habe.

Der ungarische Staatspräsident Arpad Göncz machte aus der "öffentlichen Angelegenheit" seiner Rede eine "Privatangelegenheit", indem er erklärte, dass er sechseinhalb Jahre seines Lebens im Gefängnis mit drei Büchern verbracht habe: einem Gedichtband von Attila Jószef, einer Art ungarischem Brecht, Thomas Manns "Joseph"-Tetralogie und einem Band mit Erzählungen von Iwan Turgenjew. Daraus, erklärte Göncz, rührten seine Erwartungen an Literatur: "Ich erwarte von ihr, dass sie meine Welt erweitert."

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