Kultur : Großmächtig

Kreml-Schätze im Dresdner Residenzschloss.

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Silberne Gefäße aus Hamburg und Augsburg, eiserne Rüstungen aus der Türkei, Waffen aus Persien – die Schätze des Moskauer Kreml stammen von überall her. Dass Moskau ganz weit im Osten Europas liegt, war aus westeuropäischer Sicht immer schon ausgemacht; dass es aber für islamische Reiche im Nordwesten liegt und geradezu ein Tor zu Europa bildet, ist uns kaum bewusst.

Moskau als Drehscheibe zwischen Ost und West zu zeigen wie auch als Schmelztiegel, in dem die Einflüsse aus beiden Himmels- und Glaubensrichtungen zu neuen Formen fanden, ist das Ziel der Ausstellung „Schätze des Kreml von Iwan dem Schrecklichen bis Peter dem Großen“ im Dresdner Residenzschloss. Ihr Obertitel lautet denn auch „Zwischen Orient und Okzident“, eine Klassifizierung, die man eher mit Venedig in Verbindung bringen würde. Doch weit mehr als Venedig hat Moskau das Erbe von Byzanz angetreten, nachdem die Stadt unter dem Namen Konstantinopel 1453 von den Osmanen erobert worden war.

In den überreich gefüllten Vitrinen der noch unrenovierten ehemaligen „Paraderäume“ des Dresdner Schlosses tritt der Reichtum einer kontinuierlich gewachsenen Großmacht vor Augen. Mit dem Machtantritt der Romanows 1613 wuchsen die Bestände der Kreml-Schatzkammer kontinuierlich an. Bemerkenswert ist die Offenheit gegenüber den so unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Machtzentren in Ost und West. Alexej, der zweite Zar der Romanow-Dynastie und eifrigste Verfechter des byzantinischen Vorbilds, ließ sogar Herrschaftsinsignien wie den Reichsapfel in Istanbul fertigen. Von dort importierte Waffen dienten alsbald als Muster für die Kreml-Werkstätten.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind stolz auf ihre engen Beziehungen zu russischen Museen, und so ist die gegenwärtige Ausstellung die Gegengabe zu einem Gastspiel des Dresdner Grünen Gewölbes in Moskau. Dresden dürfte an der Spitze der deutschen Reiseziele russischer Touristen stehen. In den ersten 10 Monaten des abgelaufenen Jahres 2012 wurden nicht weniger als 190 000 russische Besucher in den Dresdner Museen gezählt. Selbst im Moskauer Kreml werden dessen Schätze so vorzüglich präsentiert wie jetzt in Dresden.

Am Schluss der Ausstellung findet sich ein 1715 in Nürnberg erschienener Stadtplan der gerade einmal 12 Jahre alten Stadt St. Petersburg, deren Aufstieg fortan Moskau überschattete. Natürlich ist das eine Reaktion auf den ungeheuren Umbruch, den Zar Peter betrieb. Doch das von ihm geprägte Bild des erstmals nach Westen blickenden Russland wird mit der Ausstellung der Kreml-Schätze nachhaltig korrigiert. Bernhard Schulz

Dresden, Residenzschloss, bis 4. März.

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