Kultur : Großstadt-Cowboy

Zum Tod des britischen Filmregisseurs John Schlesinger

Peter W. Jansen

Diana Scott, Fotomodell, Covergirl, Partygirl, Playgirl, geht mit Selbstverständlichkeit davon aus, dass sie eines Tages in einem Film spielen wird. Erfolg ist für diese blendende Schönheit, Mittelpunkt glänzender gesellschaftlicher Events, nur das, was ihr die Welt schuldet. So macht sie sich die Männer untertan und sich selbst zu deren Spielball. „Darling“, von John Schlesinger 1965 inszeniert, ist das Porträt eines leeren Lebens in der unermesslichen Fülle des Reichtums. Selten ist es einmal ähnlich opulent dargestellt worden wie in diesem Film, der Fellinis „Dolce vita“ ebenso nahe ist wie manchem der bitter-zynischen Filme Billy Wilders.

John Schlesinger, in London geborener britischer Jude und bekennender Homosexueller, hatte als Dokumentarfilmer für die BBC begonnen. Für seinen Film „Terminus“, einer Montage von 24 Stunden auf dem Bahnhof Waterloo Station, war er 1961 in Venedig ausgezeichnet worden, ehe ihm sein erster Spielfilm „Nur ein Hauch Glückseligkeit“ in Berlin den Goldenen Bären einbrachte. Mit diesem Werk, schloss Schlesinger, der stets dem Dokumentarischen verpflichtet blieb, zur Gruppe des Free Cinema auf, zu den Erneuerern des realistischen britischen Films, zu Tony Richardson, Lindsay Anderson, Karel Reisz, die im Kino vollzogen, was im Theater die Dramatiker John Osborne und David Mercer zur Sprache brachten: das Lebensgefühl der kleinen Leute, der Arbeiter, der jungen Leute.

Dafür brauchte man nicht nur eine andere, präzisere Sprache als die des amerikanischen Allerweltskinos, sondern auch unverbrauchte Darsteller. Wie Schlesinger für „Nur ein Hauch Glückseligkeit“ den Schauspieler Alan Bates entdeckte, so fand er in Julie Christie die Darstellerin der emanzipierten jungen Frau. In dem Film „Die Herrin von Thornhill“ brachte er beide Entdeckungen, Bates und Christie, zusammen, ehe er schon im nächsten Film, seinem ersten amerikanischen, Dustin Hoffman und Jon Voight zum ersten Höhepunkt ihrer Karriere verhalf. Der 1969 mit drei Oscars, unter anderem für die Regie, ausgezeichnete „Asphalt-Cowboy" gilt als bester Film Schlesingers, diese unerbittlich sozialkritisch reflektierte Geschichte zweier Underdogs, die zugleich eine Liebeserklärung an die Slums von New York und an die Freundschaft von Außenseitern ist, die eigentlich nicht zusammen passen, des männlichen Prostituierten Joe Buck und des kleinen, kranken, hinkenden Ganoven Ratso Rizo.

Mit der Darstellung eines sympathischen Homosexuellen in „Darling“ hatte Schlesinger in England Schwierigkeiten mit dem Zensor bekommen, die unterschwellige Homosexualität von „Asphalt-Cowboy“ jedoch wurde nicht einmal erkannt – dank der tief empfundenen Humanität des Films. Doch danach scheute sich Schlesinger nicht, in dem auch autobiografisch inspirierten „Sunday, Bloody Sunday“ die Homosexualität mit einer Offenheit darzustellen, die 1970 eine Tat großer persönlicher Kühnheit war. Ihn hätten immer, hat er einmal gesagt, die Verlierer mehr interessiert als die Sieger, und ihnen, den Verlierern, hat er Siegeskränze geflochten, bis hin zu dem „Marathon-Mann“ Dustin Hoffman und der Klavierlehrerin Shirley MacLaine als „Madame Sousatzka“.

Etwa zwanzig Filme im Lauf von fast vierzig Jahren: es gibt umfangreichere Lebenswerke. Aber es gibt nur wenige, die so viele Höhepunkte, so viele unvergessliche Filme enthalten.

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