Kultur : Grosz’ Schwester

Der Fischer Kunsthandel zeigt Zeichnungen von Elfriede Lohse-Wächtler

Michaela Nolte

Aus tiefen, schwarzen Schatten blicken die Augen der jungen Frau unter dem Hut hervor. Elfriede Lohse-Wächtlers Selbstporträt schwebt auf dem Papier – die Schultern wie weggeweht, ohne Körper, ohne Halt. Unter den plastisch harten Kontrasten der Mund- und Wangenpartien schimmert das schöne Antlitz wie eine ferne Erinnerung. Die Pastell- und-Kohle-Zeichnung zeigt eine vom Leben Gezeichnete; düstere Vorahnung im schreckerfüllten Blick.

Die Entstehungszeit des „Selbstbildnis mit Hut“ (56000 Euro) liegt um 1932. In diesem Jahr wird Lohse-Wächtler zum zweiten Mal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie die letzten acht Jahre ihres Lebens verbringt. 1940 wird sie von den Nationalsozialisten im Zuge der Euthanasie-Aktion „T4“ in einer Gaskammer umgebracht.

Das frühe 20. Jahrhundert ist nicht gerade arm an verkannten Künstlerinnen, doch das Schicksal von Elfriede Lohse-Wächtler gehört zu den erschütterndsten. 1899 in Dresden geboren, entfloh sie dem kleinbürgerlich-konservativen Elternhaus bereits mit 16 Jahren. Sie studierte an der Königlichen Kunstgewerbeschule Mode und angewandte Grafik, fand Anschluss an die Dresdener Sezessionisten um Otto Dix und Conrad Felixmüller, tanzte in der Schule von Mary Wigman. 1925 übersiedelt sie mit ihrem Mann, dem Sänger und Maler Kurt Lohse, nach Hamburg, wo in den Folgejahren ihr Hauptwerk entsteht. Genreszenen und Porträts aus dem Milieu der Hafenarbeiter und Prostituierten, die in ihrer Pointiertheit und Schärfe denen eines Dix oder Grosz in keiner Weise nachstehen. Der Hamburger Anzeiger feiert sie 1929 als Entdeckung: „Elfriede Lohse-Wächtler ragt gegenüber dem heutigen Plätscherniveau hervor.“

Doch die zerrüttete Ehe und materielle Not bis hin zur Obdachlosigkeit führen im gleichen Jahr zum ersten Nervenzusammenbruch. In der Psychiatrie skizziert Lohse-Wächtler mit lockerer Hand Mitpatienten, Schwestern und Ärzte. Es entstehen subtile und nuancierte Menschenbildnisse, in denen sich nicht zuletzt der Wahnsinn der Gesellschaft zwischen den zwei Weltkriegen offenbart.

Eine angemessene Würdigung der Künstlerin fand erst spät statt. 1999 wird sie in einer Museumstournee durch Dresden, Hamburg und Aschaffenburg wieder entdeckt. Im Oktober 2000 erregt das Aquarell der Prostituierten „Lissy“ Aufsehen, das auf der Londoner Auktion der Sammlung Fishman bei Sotheby’s umgerechnet mehr als 64000 Euro erzielt. Noch 2003 bewertete Ketterer in Hamburg Lohse-Wächtlers „Im blauen Kittel – Selbstbildnis IV“ mit 1500 Euro. Für knapp 53000 Euro wechselte das Aquarell in die Sammlung Leopold.

Die zweite Einzelausstellung, die der Kunsthandel Fischer der Künstlerin nun widmet, bietet einen konzentrierten Einblick in die „Menschenbilder“ der späten 20er- und frühen 30er-Jahre (Preise zwischen 3500 und 42 000 Euro). Mit ihrem eigenwilligen Duktus und der spannungsgeladenen Synthese aus Expressionismus und Neuer Sachlichkeit gehört Lohse-Wächtler ohne Frage zu den herausragenden Exponenten ihrer Zeit.

Fischer Kunsthandel & Editionen, Xantener Straße 20, bis 22. Oktober; Dienstag bis Freitag 11–13 und 14.30–19 Uhr, Sonnabend 11–14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben