• Gründungsintendant des Humboldt Forums: Es geht um eine moderne Vergangenheit: Ein Gastbeitrag von Neil MacGregor

Gründungsintendant des Humboldt Forums : Es geht um eine moderne Vergangenheit: Ein Gastbeitrag von Neil MacGregor

Neil MacGregor über Wilhelms großes Erbe, die geistige Verbindung des Tegeler Schlosses und des Humboldt Forums - und wie letzteres der Gegenwart durch die Vergangenheit begegnen will.

Neil MacGregor
Schloss und Rahmen. Neil MacGregor war lange Direktor des British Museums in London und ist nun der Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums.
Schloss und Rahmen. Neil MacGregor war lange Direktor des British Museums in London und ist nun der Leiter der Gründungsintendanz...Foto: Alberto Cristofari A3/laif

Es ist eine Herausforderung, einem der größten Intellektuellen des 19. Jahrhunderts in Europa annähernd gerecht zu werden. So vieles ist über ihn als Sprachforscher, als Bildungsreformer und Staatstheoretiker geschrieben und gesagt worden. Was könnte ich also sagen über den großen Wilhelm von Humboldt? Wollte ich über Wilhelms wissenschaftliche Leistungen sprechen, würde ich, wie es so schön heißt, „Wasser in die Donau schütten“.

Und so soll ein bauliches und kein wissenschaftliches Werk Wilhelms im Mittelpunkt stehen, das Tegeler Schloss. Ein Opus, das man mit seinen Büchern vergleichen könnte und das in großem Maße viele seiner wissenschaftlichen Werke ermöglicht und mitgestaltet hat. Das neue Tegeler Schloss ist das gebaute Zentrum seiner geistigen Tätigkeit. Es wurde zu seinem Geschöpf, nachdem es 1812 vollständig in seinen Besitz übergegangen war. An diesem Ort haben Alexander und Wilhelm, die beiden Paten des Humboldt Forums, ihre Kindheit verbracht. Und genau mit diesem Genius Loci haben beide Brüder begonnen, jeder auf seine Weise, die Welt größer und vernetzt zu denken.

Ein Weg führte durch die Wildnis, ein anderer durch den Dschungel der Bürokratie

Außerhalb Deutschlands hat vor allem Alexander die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Alexander stole the limelight, wie man im Englischen sagt. Als der jüngere Bruder scheint er immer offener und lockerer gewesen zu sein. Wie alle anderen habe ich bewundert, wie kühn sich Alexander aufmachte, entfernte Kontinente zu bereisen: Das Bild von Alexander als romantischem Helden, von Glamour umgeben, hat mich lange gereizt.

Jedoch bahnten sich beide, Alexander und Wilhelm von Humboldt, ihren Weg durch die Wildnis. Alexander durch das Dickicht des Regenwaldes im Amazonas und Wilhelm als Staatsmann, preußischer Diplomat und Bildungsreformer im märkischen Sand. Erst sehr spät, tatsächlich erst im letzten Jahr, habe ich verstanden, dass es vielleicht Wilhelm war, der sich durch den undurchdringlichsten aller Dschungel geschlagen hat, durch den Dschungel der Berliner Bürokratie.

Das Tegeler Schloss war ein Bau ganz spezifischer Absicht

Was genau ist dieser Spirit, dieser lebendige Geist, der das Haus bewohnt und der hier immer noch spürbar ist? Ich würde vorschlagen, dass das tägliche Miteinander mit den ausgewählten Geistern der Vergangenheit es erlaubt, andere Zukünfte zu erdenken. Das neue Schloss Tegel, das Wilhelm und Caroline zusammen mit dem Architekten Schinkel geplant haben, war ein Bau mit einer ganz spezifischen Absicht. Hier wurden Skulpturen und Gipse aus Rom in einem antikisierenden Ambiente mit baulichen und literarischen Zitaten aus Griechenland zusammengeführt. Den architektonischen Raum, den Schinkel entworfen und gebaut hat, stattete Wilhelm zu einem einzigartigen Denkraum aus. Die antike Welt wurde nicht kreiert, um in der Vergangenheit zu verweilen, sondern, ganz im Gegenteil, um eine intellektuelle Revolution zu ermöglichen. Es ging um eine moderne Vergangenheit.

Wilhelm von Humboldt hatte eine Gesellschaft im Umbruch erlebt. Nach den Napoleonischen Kriegen, der französischen Besatzung, der Demütigung Preußens und dem Befreiungskrieg hatte er auf dem Wiener Kongress eine wichtige Funktion eingenommen. Nach 1815 – genau wie im Jahr 1989 – gab es eine neue Geografie Europas und der Welt. Und innerhalb dieser war es nötig, die Rolle von Preußen und der Hauptstadt Berlin neu zu definieren. Es reiften Ideen für eine neue Gesellschaft und für eine neu bewertete, vermittelbare Wissenschaft, die den Menschen begeistern und zu einem mündigen Bürger formen konnte. Hier, in diesem antikisierenden Utopia entwickelte Wilhelm seine zukunftsformenden Gedanken über den Menschen, seine Sprachen und Kulturen und den Staat.

Die Beschaulichkeit täuscht. Auf Schloss Tegel, hier auf einer Illustration um das Jahr 1840, entwickelte Wilhelm von Humboldt grundstürzende Ideen.
Die Beschaulichkeit täuscht. Auf Schloss Tegel, hier auf einer Illustration um das Jahr 1840, entwickelte Wilhelm von Humboldt...Foto: akg-images

Ein antiker Rahmen für moderne Debatten. Die Ähnlichkeiten des Tegeler Schlosses von 1820 mit dem immer schneller wachsenden Humboldt Forum im Berliner Schloss sind unübersehbar. In beiden Schlössern haben beide Brüder ihren Nachmittagstee getrunken und ihre Forschung vermittelt. Beide Gebäude sind von diesem scheinbaren Widerspruch geprägt, der Gegenwart durch das Vexierglas der Vergangenheit zu begegnen. Ähnlich wie Wilhelm das Tegeler Schloss in antikem Gewand zum Leben erweckte, werden nun auch die historischen Fassaden des Berliner Schlosses einen Raum für neue Gedanken bilden. Im Stadtschloss, genau wie in Tegel, geht es um eine ganz moderne Vergangenheit.

Was bedeutet es, die Gegenwart und die Vergangenheit zu vergleichzeitigen? In der Kontroverse um den scheinbaren Widerspruch zwischen den Fassaden des Stadtschlosses und den Debatten des Humboldt Forums wird häufig behauptet, dass die Rekonstruktion eines antiken Gebäudes neuen Gedanken über Gegenwart und Zukunft wenig Raum lässt, dass die Macht der Vergangenheit das Seiende und Werdende in Bedrängnis bringt. Und sind diese klassischen Architekturelemente nicht Ausdruck einer beschränkenden, hegemonischen Vormachtstellung Europas?

In Tegel untersuchte Wilhelm die Sprachen indigener Völker im Angesicht antiker Götter

Tegel lehrt anderes: Die Gipsgötter Juno und Mars und die neoklassischen Skulpturen Thorvaldsens waren ständige Hausgäste Wilhelms und Carolines. Weit gefehlt, zu denken, dass diese Gesellschaft Wilhelms Weltsicht auf Rom und die antike Welt des Mittelmeeres beschränken würde. Trotz – oder vielleicht dank – der Nähe zu den antiken Göttern, konnte Wilhelm anthropologisch genauso weltumspannend denken wie sein Bruder Alexander.

Dafür spricht eloquent und überzeugend die Tatsache, dass Wilhelm an seinem Tegeler Schreibtisch, im Schatten der Venus von Milo vor ihm, in ganz andere, weit entfernte Regionen reist. Er erforscht die Eingeborenensprachen Amerikas – Náhuatl, Huastekisch, Maya, Quechua unter vielen anderen. Unter dem verführerischen Blick der vermutlich nur griechisch sprechenden Göttin Aphrodite bereitete Wilhelm seine Akademie-Vorträge über indische Sanskrit-Dichtung vor. Hier, ganz in ihrer Nähe, untersuchte er die Sprachen Asiens und Polynesiens. Und hier arbeitete er bis zu seinem Tod an einer Studie über die antike Kawi-Sprache von Java. Auf dieser wie auf allen seinen intellektuellen Reisen ließ er sich gern von der lächelnden Venus von Milo begleiten.

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