Kultur : Grüne Zellen

Durch die Blume: Ein Theaterprojekt erzählt die Geschichten der Kleingartenanlage „Bornholm I“

Christina Tilmann

Kathrin hätte gern einen Froschkönigweg im Garten, Thommy lieber ein Gemüsebeet und eine Hecke um die Laube. Helmut sitzt vor der Vorstandssitzung des Vereins noch im Pool und zischt ein Bier. Otto hat einen Preis für die beste Platzausnutzung in seiner Parzelle bekommen. Mona hat erst vor fünf Jahren einen Zuschlag erhalten, Gitty gar nicht: „Mein Garten liegt im Westen!“

Deutsches Theater, wie es jedes Frühjahr aufs Neue beginnt, ungeprobt, ungeplant, die einzigen Zuschauer sitzen im Nachbargarten. Laubenkolonien oder Schrebergärten sind ein besonderes Phänomen: ein perfektes System aus Gemeinschaft und eifersüchtig gehüteter Privatsphäre, eine Mischung aus Überwachen und Abschirmen. Ein Selbstversorgerparadies für Großstadtpflanzen, erfunden vor über hundert Jahren, gerade wieder einmal en vogue bei jungen Familien und in der DDR besonders wertvoll: Selbstgezogene Pfirsiche und Aprikosen etwa waren heiß begehrt – und gut verkäuflich.

Das theatrale Potenzial des Kleinbürgerparadieses hat nun auch der Berliner Regisseur Roland Brus erkannt und mit 18 Parzellenbesitzern in einer Kleingartenanlage an der Grenze zwischen Wedding und Prenzlauer Berg einen Theaterparcours inszeniert. „Ich wusste gar nicht, dass ihr in Deutschland auch Favelas habt“, habe ihm eine Bekannte aus Brasilien angesichts der Schrebergärten im Ruhrgebiet gesagt. Fasziniert hat den 40-Jährigen, der zuvor mit dem Berliner Obdachlosentheater „Ratten“ und mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Tegel gearbeitet hat, vor allem die Übersichtlichkeit der Anlage: ein Leben im Kleinen, Zaun an Zaun, soziale Kontrolle und bestmögliche Platzausnutzung. So betrachtet ist eine Laube durchaus mit einer Zelle vergleichbar. Sie verlockt die Nutzer dazu, sich ihre eigene Welt zu schaffen: „Die Kleingärtner haben alles schon inszeniert. Jede Parzelle ist eine Bühne“, beschreibt Brus die Ausgangssituation. Da braucht der Regisseur nicht viel hinzugeben. Sondern nur in geduldigen Interviews die Bewohner zum Sprechen bringen – und mit inszenatorischen Tricks die Laiendarsteller vor sich selbst schützen.

Brus hat sich allerdings auch einen historisch besonderen Ort ausgesucht. Die Kleingartenanlage „Bornholm I“, 1896 gegründet, liegt direkt an der Bornholmer Grenze, direkt an der S-Bahn-Trasse – und bis 1989 im Schatten der Mauer. „Erweitertes Grenzgebiet“ hieß der Bereich, die Anlage war bewacht und nur für Parzellennutzer zugänglich – die Hinterlandsmauer verlief direkt hinter der letzten Parzelle. Sie war Schutz und Bedrohung gleichzeitig: zum Erhalt der Anlage waren die Parzellenbesitzer selbst dafür verantwortlich, dass keiner „Dummheiten macht“, wie Otto Mittelstädt es nennt. Das heißt: Eine eigene Truppe „Ordnung und Sicherheit“ patrouillierte auf dem Gelände, jeder überwachte jeden, in der Nacht mussten die Leitern weggeschlossen werden und im Bunker saßen die Grenzer und lauschten darauf, ob jemand zu tief gräbt.

Andererseits: „Bei mir waren die Tomaten zwei Wochen früher reif als in den Nachbarparzellen“, erzählt Sven Thomsen – ein Nebeneffekt der Nachtspeicherwärme der Grenzanlagen. Und die S-Bahn, die alle drei Minuten vorüberdonnert, konnte man auch nicht so laut hören: „Die Mauer funktionierte wie eine Schallschutzwand.“ Richtig lästig sei es erst nach der Wende geworden: Da habe ein Massentourismus entlang der alten Grenzbefestigungen eingesetzt: „Ich kam mir vor wie im Zoo.“

Geschichten, die das Leben schreibt, und eine Historienstunde, durch den Garten erzählt. Der Blick aufs Private, die Sehnsucht nach Authentizität: Das scheint derzeit im Theater wieder einmal besonders beliebt, von Matthias Lilienthals Duisburger Projekt „X Wohnungen“, bei dem in diesem Sommer auch in Berlin Regisseure in Privaträumen inszenierten, bis hin zu dem Theaterstück „Living Rooms“ der Berliner Sophiensäle, das man demnächst über Ebay ersteigern und daheim in den eigenen vier Wänden spielen lassen kann. Das, was die Laubenbesitzer sonst so eifersüchtig hüten, mit Zäunen, Hecken und sozialer Kontrolle, ist nun ein ganz besonders begehrtes Gut: Big Brother im Schrebergarten, ein bisschen Zoo auch hier.

Der Spieß lässt sich allerdings auch umkehren. Der Fremde, der Eindringling, das ist der Zuschauer, für den Laubenbesitzer ist’s ein Heimspiel. Dabei klappt bei der Probe allerdings noch nicht alles, wie es soll. Der massige Sven Thomsen zum Beispiel soll im Streit mit seiner „Theaterfrau“ Kathrin Loewel ein Gartenbeet mit Papptellern zupflastern, hier eine Hecke, dort ein Blumenbeet. Text, Lied, Stimmgewalt: alles perfekt, der Streit über Sellerie oder Märchenpfad eskaliert nach Plan, ein Hintergrundchor souffliert Pflanzennamen, allein: Die Pappteller, die liegen noch nicht richtig. Und war die Passage mit der Fäkaliengrube nicht gestrichen worden?

Oder Brigitta Pistorius: In einer ergreifenden Szene hat sie gerade erzählt, wie sie 1986 mit ihrem Mann Peter einen Ausreiseantrag stellte, dafür verhaftet und verurteilt, schließlich freigekauft wurde, und sich nun einen Traum erfüllt: „Ich wollte immer einen Garten.“ Der Start in die Freiheit erfolgt laut Regie im Kleinwagen: Musik braust auf, Gitty hat ihren letzten Satz gesagt, und nun soll’s losgehen, den alten Grenzstreifen entlang. Allein: Der Wagen fährt nicht los. „Zisch’ los, Gitty!“, ruft der Regisseur. „Ich habe eine Wegfahrsperre.“

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